Aktuelles


Annie Ernaux: Der junge Mann

In knapp vierzig Seiten beschreibt die Nobelpreisträgerin in einer Art Chronik ihr Liebesabenteuer mit einem ihrer um 30 Jahre jüngeren Schüler. Es handelt sich um einen bewusst inszenierten Grenzgang, der das zarteste aller Gefühle, nämlich die bedingungslose Liebe, zu einem literarischen Versuch nutzt. Mit anderen Worten: Eros im Dienste auktorialen Schreibens. Als Liebesgeschichte sollte man diesen Versuch also nicht lesen. Er dient ausschließlich der Selbstfindung und dem Prinzip der Gendergerechtigkeit. Wenn alte Männer sexuelle Beziehungen pflegen zu jungen Frauen, warum sollte dann diese gesellschaftlich scheinbar etablierte Gepflogenheit nicht einfach umgedreht werden?  Reife Frau liebt jungen Mann und bindet ihn an sich über ihren überlegenen Bildungsschatz, ihre gehobene sozialökonomische Stellung. Sie hält ihn in der Illusion des Glücks und entlässt ihn, sobald das Erlebte literarische Gestalt angenommen hat. Der junge Mann ist intellektuell leider etwas eingeschränkt, um zu begreifen, wie ihm geschieht. Sie hält ihn wie eine Marionette am Bändchen und spielt ein von Überlegenheit gespeistes Spiel. („Mir war bewusst, dass all das gegenüber dem jungen Mann, der die Dinge zum ersten Mal erlebte, eine Form der Grausamkeit war“ … oder … hatte ich in Rouen mit A. den Eindruck, Szenen und Gesten wieder aufzuführen, die bereits stattgefunden hatten, das Theaterstück meiner Jugend.“). Der junge Mann fügt sich als weiterer Mosaikstein ins Gesamtwerk Ernauxscher Grabungsarbeit von literarischer Kühnheit und Schonungslosigkeit. Ethische Kategorien spielen in dieser amour foux keine Rolle. Die Autorin ist getrieben von der Sucht nach Versprachlichung auch der intimsten Gefühle, der ausschließlich alles untergeordnet werden muss. Würde mich freuen, irgendwann ihre Sitzungen bei der Psychotherapeutin in Romanform lesen zu dürfen.

jd  

Lebensweisheit

Sinnbilder

Beim Lesen des Buches „Sinnbilder“ von Reinhold Messner und seiner Frau Diane nahm in mir kraft der Aussagen aus berufenem Munde der erleuchtende Gedanke Gestalt an, dass das Leben eben nicht nur aus Rekorden besteht und dass die Jagd danach blind macht für die Wahrheit und Einzigartigkeit menschlichen Seins. Und diese Erkenntnis ist wie ein Geschenk an die Menschheit. Gerade Messner hat ja in seinem Leben regelrecht Jagd gemacht nach Rekorden, ganz nach dem Motto „No Limit“. Mit dem Run auf die letzten unberührten Rückzugsorte der Natur hat er ja dazu beigetragen, einen Hype auszulösen und dabei einen nicht ganz klein zu redenden ökologischen Fußabdruck hinterlassen, der von der Fridays for Future - Generation zu Recht kritisch bewertet wird. Auf die höchsten Berge, durch Eis- und Sandwüsten bis in den letzten Winkel dieses Planeten. Selbst wenn er dabei auf große logistische und technische Unterstützung verzichtet hat, verstand er es, diese Extremtouren medial derart professionell zu vermarkten, dass die ganze zivilisierte Welt davon Kenntnis nahm und Nachahmer*innen auf den Plan rief. Und so wage ich zu behaupten, dass es heute keinen einzigen Ort auf unserem Planeten mehr gibt, der nicht von Abenteurern*innen überrannt ist. Das ist heute leider kein Nullsummen-Spiel mehr. Die Erde ist drauf und dran, durch die menschliche Hybris zu kollabieren. Klimaerwärmung, Artensterben, Naturkatastrophen, Krieg – das sind die Folgen unserer ungebremsten Wachstumsideologie, unserer Überheblichkeit und Rücksichtslosigkeit, unserer Sucht, noch im entlegensten Winkel der Erde nach dem ultimativen Kick, dem vermeintlichen Glück zu suchen. Dabei spielt die digitale Vernetzung zunehmend eine zentrale Rolle, denn sie ermöglicht es uns, alle Wunder dieses Planeten gleichzeitig zu erleben und zu „konsumieren“. Unsere Vorfahren und Elterngenerationen haben dieses Glück noch vor der Haustür, in der Dorfgemeinschaft, im engeren Umfeld gefunden. Sie haben uns vorgelebt, was Bescheidenheit und Zufriedenheit, was inneren Reichtum ausmacht. Doch der materielle Wohlstand hat uns leider blind gemacht für die Zerbrechlichkeit und Begrenztheit unseres Planeten, für die Ästhetik des Verträglichen, des Einfachen, des Weniger ist Mehr! Und so verspürt man beim Lesen dieses Buches eine gewisse Genugtuung, wenn unser weltweit gefeierter Extrembergsteiger in seinem Alter nun einen Weg nimmt, der das Kleine, das Außergewöhnliche, das unverbraucht Natürliche, das überaus Menschliche und den Verzicht in den Blick nimmt. Bleibt zu hoffen, dass er in Zukunft auf umweltschädigende Flugreisen auch noch zu verzichten lernt. Denn verzichten kann nur jemand, der das Glück genießt, auf der Haben-Seite der Welt leben zu dürfen. Ein Großteil der Menschheit hat leider nichts, auf das er verzichten könnte. Und genau darum sind wir Kinder des Wohlstands alle gefordert unseren Beitrag zur Rettung des blauen Planeten zu leisten. So entstehen Bilder und Wirklichkeiten, die dem Leben einen tieferen Sinn geben.

JD

 

 

 

Bildung im Austausch für Konsum

Erst hatte ich Zweifel, mich verhört zu haben, aber dann wurde mir klar, dass die Handelskammern von BZ und TN tatsächlich fordern, die Schulferien zu verlängern, damit die Kinder, Jugendlichen und deren Eltern mehr Zeit fürs Skifahren und für die Pistengaudi haben. Also mit anderen Worten gesagt: mehr konsumieren und den Umsatz der Lift- und Betreibergesellschaften, ja der gesamten Freizeitindustrie steigern. Damit wird unmissverständlich klar, was führende Wirtschaftsvertreter in unserem Lande von der Bildung halten. Ein paar Wochen weniger Unterricht spielt in ihren Augen scheinbar keine Rolle. Ganz zu schweigen von pädagogischen Überlegungen zum Lernen generell, die ihnen sowieso fremd sein dürften. Ob unsere Jugend angemessen lesen und schreiben lernt, scheint zweitrangig zu sein. Dabei ging gerade erst ein Aufschrei durch Südtirol, dass in allen Bereichen qualifizierte Fachkräfte fehlen, und nun scheint das um des lieben Geldes willen alles schon vergessen. Wer aber Fachkräfte fordert, muss auch bedingunslos Ja sagen zur Bildung!

Mit einem solchen haarsträubenden Ansinnen würden die gesellschaftspolitischen Prioritäten neu definiert, ganz nach dem Motto: Zuerst das Vergnügen, dann die Bildung. Das können wohl nur Vorläufer der Auswüchse einer übersättigten Spaß- und Konsumgesellschaft sein. Wohlstand verleitet eben zu Dummheit. Wie sonst ist zu erklären, dass man bereit ist, das Freizeitvergnügen gegen die Bildung auszuspielen. Ich bin, gelinde gesagt, sprachlos!

Zum Glück hat diesmal LR Achammer entsprechend klar reagiert und dem Ansinnen eine dezidierte Abfuhr erteilt. Einen großen Aufschrei im Lande erwarte ich mir dennoch nicht, denn Südtirol hat mittlerweile gelernt, sich mit Mittelmäßigkeit abzufinden. Im Grunde ist es ein weiterer Versuch, die öffentlichen Bildungseinrichtungen zu diskreditieren und als belanglos und ineffektiv abzustempeln. Bildung im Fadenkreuz der Wirtschaft!? Tut mir leid: wir haben, wie ich schon im letzten Bildungsdokument geschrieben habe, den gesellschaftspolitischen Kompass verloren.

Gais, im Advent 22

 

SVP – quo vadis?

Anderthalb Jahre lässt Landeshauptmann Kompatscher unser Land und seine Wählerschaft nun im Ungewissen, ob er bei den kommenden Wahlen noch einmal kandidieren wird. Das ist – bei aller Wertschätzung – unverantwortlich und in keiner Weise zu rechtfertigen. Südtirol verdient sich gerade in Krisenzeiten eine verlässliche, transparente und aufrechte politische Führung.

Zu den Fakten

Durch Südtirol ging ein Aufschrei, als in der Folge der letzten Landtagswahl durch die Veröffentlichung der Chat-Nachrichten führender Parteifunktionäre der SVP die parteiinternen Intrigen an die Öffentlichkeit drangen und ein eklatantes Demokratiedefizit der Mehrheitspartei aufdeckten. Führende Mandatare diskreditierten den ranghöchsten Vertreter ihrer Partei im Amt des Landeshauptmannes als Versager und sprachen ihm jegliche Kompetenz für diese führende politische Rolle ab. Ja sie entzogen ihm hinter seinem Rücken das Vertrauen und bastelten insgeheim an einem „Komplott“. Ein Spiel mit dem Feuer, das den Wahlsieger Kompatscher zu Recht verärgerte und in seiner Integrität traf. Er forderte daher von seiner Partei Aufklärung, feuerte einen seiner engsten Mitarbeiter in der Landesregierung, entband andere in enger Abstimmung mit dem Parteiobmann Achammer einiger ihrer Ämter und setzte einen Termin, bis zu welchem er sich Klarheit über den weiteren gemeinsamen Weg machen wollte. So weit so gut, auch wenn er für diese Entscheidung etwas lange brauchte. Doch nun fragen sich die Wähler*innen – nachdem diese Entscheidung ein weiteres Mal bis Weihnachten vertagt wurde - ob es in dieser langen Zeit immer noch nicht gelungen ist, sich Klarheit zu verschaffen. Ist diese Partei überhaupt reformwillig? Oder liegt das Problem auch in der Strategie Kompatschers, persönlich wohlgesinnte Vertrauensleute in den Parteigremien zu etablieren, die seine politischen Positionen vertreten und ihm in Zukunft Mehrheiten verschaffen? Die Änderungen des Parteistatuts bei der letzten Landesversammlung lassen diesen Schluss zu. Haben ein fairer politischer Wettbewerb und eine gesunde Streitkultur in der SVP ausgedient?  Den Aussagen der SVP-Fraktionssprecherin im Südtiroler Landtag zufolge hat es in der Sammelpartei im Laufe der letzten Jahre viele persönliche Verletzungen, Anfeindungen sowie kleinere und größere Skandale gegeben. Zudem ist uns allen noch die Aussage des Landeshauptmannes in Erinnerung, dass die Mehrheitspartei in den letzten Jahrzehnten zu einem Lobbyistenclub verkommen ist? In der Tat: Frau und Herr Südtiroler*in erleben nun schon seit Jahren, dass die großen Verbände im Lande die Gesetze federführend mitschreiben und über weite Strecken die Politik bestimmen. Man denke nur an die Raumordnung oder an die Auseinandersetzung um die GIS-Erhöhung für Privatzimmervermieter und für die Urlaub auf dem Bauernhof Betriebe.  Wo führt, so fragt sich immer öfter der/die von seiner/ihrer Hände Arbeit lebende Durchschnittssüdtiroler/in, der Weg der Mehrheitspartei in Zukunft hin? Wer kümmert sich wirklich um die Sorgen und Nöte der Menschen, ohne dabei parteipolitisches Kalkül und Machtstreben in den Vordergrund zu stellen? Welche/r Mandatar/in hat unser Land Südtirol und nicht die eigenen Interessen im Blick? Auf diese Fragen braucht die Wählerschaft dringend plausible und ehrliche Antworten. Das Verwirrspiel und das Polittheater müssen in unserem Lande endlich ein Ende nehmen. Wir sind gut beraten, uns wieder der grundlegenden demokratischen Werte zu besinnen und mit Anstand und Verantwortungsbewusstsein unser Land im Auftrag der kommenden Generationen in die Zukunft zu führen.

Gais, am 01.12.22       jd

Eine Gesellschaft im freien Fall

Wie wenig es braucht, um unser demokratisches Gesellschaftsgefüge in Brüche gehen zu lassen, zeigen die seit Coronazeiten in ganz Europa aufgeflammten Protestaktionen der Wutbürger, einer vorwiegend von rechtsnational gesinnten Extremisten und Rassisten gesteuerten Wählerschaft. Und es verstört vor allem die Tatsache, dass sich von dieser Welle so viele Unzufriedene und vielfach zu Recht kritische Bürger anstecken und mitreißen lassen. In Krisenzeiten genügt scheinbar ein Funke, um das Pulverfass 70 Jahre nach dem Großen Krieg wieder scharf und den Weg in die Diktatur als politische Alternative hoffähig zu machen. Wie sonst ist es zu erklären, dass auch in vielen scheinbar gefestigten westlichen Demokratien neuerdings nationalkonservative, faschistische und offen rassistische Kräfte an die Regierung gelangen. Nun erhebt man wieder ganz unverhohlen die Hand zum Mussolini-Gruß, marschiert mit Reichsflaggen und Nazisymbolen, knebelt die Medien und die Justiz und fällt durch Gewaltbereitschaft und Intoleranz auf. Wären wir in Europa so kapillar bewaffnet wie in den USA, dann würden wir uns aus Unfähigkeit oder mangelnder Bereitschaft zum Dialog aller Voraussicht nach längst selbst dezimieren. Ein enthemmter Individualismus, Rücksichtslosigkeit und Verantwortungsverweigerung bilden die Begleitmusik dafür. Der Blick auf das Allgemeinwohl ist uns abhandengekommen, Solidarität zum Fremdwort geworden.

Russlands blutiger Angriffskrieg auf die Ukraine, die Klimakatastrophe, die Wirtschaftskrise samt galoppierender Inflation – alles Brandbeschleuniger in Gesellschaften, die den politischen Kompass verloren haben, die keine gemeinsame Vision mehr eint und die auf Kosten der nachkommenden Generationen auf Pump leben und Schulden anhäufen. Ja die drauf und dran sind, diesen Planeten, der uns alle am Leben hält, irreversibel zu schädigen. Angesichts einer solchen Entwicklung ist es nachvollziehbar, wenn Jugendliche und aufgeschlossene Mitbürger nicht mehr bereit sind, tatenlos zuzusehen, wie wir auf den Abgrund zusteuern. In dieser Protesthaltung die richtige Wahl der Mittel zu treffen, das ist eben eine gesellschaftlich höchst relevante Frage. Was ist im Lichte der Rechtsordnung erlaubt? Und wo ist es vertretbar, angesichts einer augenscheinlich bevorstehenden Katastrophe, diese enge Rechtsordnung neu zu definieren und da und dort im Sinne einer Notfallmaßnahme zu überschreiten? Wieviel Protest muss eine demokratische Gesellschaftsordnung aushalten und erlauben, um glaubwürdig zu bleiben? Welche Formen des Protestes sind zulässig? Wo zieht die Demokratie die rote Linie, die zu überschreiten das System selbst in Frage stellt? Schwierige Fragen, auf die es keine einheitlichen und zwingenden Antworten gibt. Auch das ist Demokratie: der Zweifel als Richtschnur des politischen Handelns. Und zugleich das Ringen um die Wahrheit und um einen Grundkonsens in lebenswichtigen Fragen. Für mich steht weiterhin unumstößlich fest: die Würde des Menschen und die Freiheit des Denkens sind gerade auch im Hinblick auf das Allgemeinwohl unantastbar und nur in der Demokratie glaubwürdig zu leben!

Gais - Allerheiligen 2022

Nachhaltig in die Katastrophe

Ich kann das Wort „Nachhaltigkeit“ schon gar nicht mehr hören, denn alles, was in unserem Lande in den verschiedensten Sektoren durch die Öffentliche Hand oder durch Privatunternehmen gemacht wird, bezeichnen die verantwortlichen Akteure inzwischen als nachhaltig. Auch angesichts der aus dem Ruder geratenen Klimakatastrophe, der Erderwärmung, der Versauerung und Verschmutzung der Meere, des Gletscherschwunds und des Wassernotstands, des ausufernden Waldsterbens, wirtschaften und leben wir anscheinend nachhaltig und hängen uns dieses Feigenblatt auch an krasse und nicht wiedergutzumachende Umweltsünden. Dass es so nicht weitergehen kann, hat auch die Landesregierung erkannt und zum Zwecke im März 2022 sogenannte „Nachhaltigkeitstage (Sustainability Days)“ organisiert, welche Zielsetzungen und Handlungsfelder definieren, in denen vorrangig konkrete Transformations-Maßnahmen gesetzt werden müssen. Leider ist zu befürchten, dass diese mit großem Werbeeffekt angekündigten Bemühungen nur toter Buchstabe bleiben und beachtliche Summen an Steuergeldern einfach in den Sand gesetzt haben. Wie sonst ist es zu erklären, dass das erste konkrete Projekt nun ein Skiliftbau auf einer sonnigen Hanglage in Kastelruth ist, der zusätzlich die Errichtung eines Speicherbeckens und einer künstlichen Beschneiungsanlage erforderlich macht. Aber auch dafür stellt die Landesregierung gewaltige Summen an Steuergeldern bereit. Nun liegt es in den Händen eines „grünen“ Bürgermeisterkandidaten, diesen Unsinn als Obmann der Liftgesellschaft offiziell zu befürworten und umzusetzen. Tut mir leid – ich kann an diesem klimaschädigenden Projekt nicht eine Spur an Nachhaltigkeit finden. War also die sündteure Tagung umsonst? „Wir tragen Verantwortung für Mensch und Natur“ und „Südtirol nachhaltig zu entwickeln ist unser Anspruch!“ formuliert die LR ihre Zielsetzungen. Mit solchen Projekten werden wir den Kampf gegen die Klimakrise unweigerlich verspielen. Und es stehen ja noch, wie wir fast wöchentlich den Medien entnehmen, einige Megaprojekte auf der Tagesordnung, die noch viel gravierendere Folgen für die Umwelt haben werden (z.B. Erweiterung Skigebiet Gitschberg etc.). So, geschätzter Herr Landeshauptmann, wirtschaften wir munter und fröhlich nachhaltig in die Katastrophe.

Allerseelen 2022

 

im gedenken an meine mutter maria (12.09.)

 

dein erster blick

ein lächeln

 

dein erstes wort

ein ja zum leben

auch in schweren zeiten

 

die freiheit war gebot dir

in einer zeit

als stilles dienen angesagt

 

du gingest mutig aufrecht

wo andre sich schon bückten

 

erst als das alter dir

die kühnheit der gedanken nahm

beklagtest du des geistes

schmerzlich enge grenzen

 

im tode schweigst du nun…

 

vergebens wart ich

auf ein letztes wort

aus deinem munde

ein letztes lächeln

in der bangen stunde

 

und trotzdem spür ich

wir sind uns nah verwandt

und gehen weiter

hand in hand.

 

 

„Im Abschied ist die Geburt der Erinnerung.“

 Heimito von Doderer

Die Nacht steht schweigend über all den Trümmern. Gedanken zum Angriffskrieg in der Ukraine

I

Die Geschwindigkeit des Projektils – sie ist

bei großer Kälte stets vom Zielobjekt bestimmt,

vom Drang der Kugel, die sich herzwärts frißt

und im Gewebe Wärme sucht; und weitersingt.

Die Steine lagern wie ein zweites Heer.

Dem Lehmgrund prägen sich die Schatten ein.

Der Himmel blättert ab wie Kalk. Als wär’s

´ne Motte taucht ein Flugzeug auf, ganz klein,

und gleich darauf sprungfederleicht, schnellt Rauch

empor. Das Blut – wie kochende Milch dem Trichter

entquellend – taut den Grund nicht auf, es rauscht

und strömt umsonst; wird Schorf; kann nicht versickern.

 

Mir scheint, als hätte der russische Nobelpreisträger Brodsky Putins dunkle Seele bereits vor rund einem halben Jahrhundert vorausgesehen. Dichter sind eben Hellseher, ihr Blick auf die Wirklichkeit trügt selten und rührt gerade daher zu Tränen. In einem Land, in dem die Straflager und Gulags seit der Zarenzeit und vor allem seit Stalin Hochbetrieb haben, braucht man sich nicht zu wundern, wenn die Fiktion die krude Wirklichkeit scharfzeichnet und schonungslos auf den Punkt bringt. Auch Brodsky hat, wie zahllose seiner Kolleginnen und Kollegen vor ihm und nach ihm, am eigenen Leib schmerzlich zu spüren bekommen, was seelische Folter, Straflager und das Böse mit dem Wunsch nach einem freien und selbstbestimmten Leben und vor allem mit der Wahrheit anrichten. Die Zahl der Opfer, die nie mehr wiederkehrten aus dem Verderben, ist mit menschlichen Begriffen nicht zu ermessen, sie entzieht sich der Logik des Menschseins. Und allein darüber zu sprechen bedingt in dieser Diktatur (und auch in allen anderen!) immer noch Ausgrenzung und Auslöschung. Haben denn die Kultur, die Dichtung und Musik, haben sie wirklich kein Fundament für die Freiheit gelegt? Sind sie spurlos an den Menschen in diesem Riesenreich vorübergegangen? Ist Sprache auf Dauer per Gesetz zu sanktionieren und zu züchtigen, mit Gewalt umzudeuten? Wenn man bedenkt, welch begnadete Schriftsteller, Dichter und Komponisten dieses Land im Laufe der Jahrhunderte hervorgebracht hat, möchte man glatt verzweifeln, den Mut verlieren und vor allem die Hoffnung, dass das zarte Pflänzchen Menschlichkeit früher oder später obsiegt und erblühen kann. Dass Freiheit und Selbstbestimmung zum Menschsein unabdingbar dazugehören! Dass der Mensch auf Dauer nicht in Unfreiheit leben kann, dass er daran zerbrechen muss.

IV

Was hat das Summen einer Drohne,

eines Flugzeugs zu bedeuten?

Ob zu leben sich noch lohne?

Fällt doch eben dies den meisten Leuten

schwerer, als ein Kartenhaus zu bauen.

Nichts hat Bestand: ein Hauch – zerfallen

sind Familien, gebrochen das Vertrauen.

Die Nacht steht schweigend über all den

Trümmern. Metall schwitzt Öl. Vor Schrecken

(um nicht zu ersaufen in den leeren

Stiefeln) sucht der Mond sich zu verstecken

in Allahs Turban: in den Wolkensphären.

 

Derzeit scheint es so, als ob eine Clique von Oligarchen und Geheimdienstschergen die Freiheit im Lande definitiv knebeln und ein Regime der Angst und des Schreckens installieren könnten. Und sie begnügen sich nicht damit, das eigene Land gleichzuschalten und zu ruinieren, sondern setzen zudem alles daran, die westlichen Demokratien zu destabilisieren, Zwietracht und politischen Fundamentalismus und Extremismus zu schüren. Dabei agieren sie ganz unverhohlen und skrupellos. Die Freiheit des Denkens ist für diese Machtbesessenen ein Grauen, es darf kein anderes Narrativ geben als ihre von Gewalt, Terror und Korruption geprägten Großmachtideologien. Was das für unser aller Zukunft bedeutet, ist leicht abzusehen: wir gehen möglicherweise erneut einem dunklen Jahrhundert entgegen, dessen Projektile bereits im Lauf sind und sich nach Brodsky herzwärts fressen. Vielleicht kann uns Literatur eine Wegbegleiterin und Trösterin sein in diesen düsteren Zeiten, mehr auch nicht!

(PS: Die beiden Gedichte sind entnommen aus: Josef Brodsky: Brief in die Oase. Verse von der Winterkampagne des Jahres 1980)

 

Weitere Literaturtipps 2022 – Schwerpunkt Ukraine

  • Ilya Kaminsky: Republik der Taubheit
  • Ocean Vyong: Die Zeit ist eine Mutter
  • Wassili Grossman: Stalingrad
  • Sherij Zhaidan: Internat
  • Aleš Šteger: Neverend
  • Katerina Poladjan: Zukunftsmusik
  • Vladimir Sorokin: Die rote Pyramide
  • Nino Haratischwili: Das mangelnde Licht
  • Sasha Filipenko: Die Jagd
  • Paul Mason: Faschismus

 

jd

 

 

 

Aber bitte noch schnell ein Geschäft mit Wladimir. Von der Doppelbödigkeit und Blauäugigkeit des Westens.

 

Bereits 2008 schrieb Thomas Friedmann in seinem Manifest Was zu tun ist. Eine Agenda für das 21. Jahrhundert:

„In ölreichen Petrostaaten tendieren Ölpreis und Entwicklung der Freiheit dazu, sich in entgegengesetzte Richtungen zu bewegen. Das heißt, je höher die durchschnittlichen Rohölpreise steigen, desto stärker erodieren Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, freie und faire Wahlen, Versammlungsfreiheit, die Transparenz staatlichen Handelns, die richterliche Unabhängigkeit, Rechtsstaatlichkeit sowie das Recht auf Bildung unabhängiger politischer Parteien und nichtstaatlicher Vereinigungen. All diese negativen Trends werden verstärkt durch die Tatsache, dass die Führung solcher Petrostaaten sich mit steigendem Ölpreis immer weniger darum kümmert, was die Welt über sie denkt oder sagt. Sie verfügen über größere Geldmittel, um die Sicherheitskräfte im Inland zu verstärken, Gegner zu bestechen, Wählerstimmen oder öffentliche Zustimmung zu kaufen und internationale Normen zu missachten.“ (…)

Und an anderer Stelle:

„Unsere Abhängigkeit vom Öl beschleunigt die globale Erwärmung, stärkt Petrodiktatoren, verschmutzt saubere Luft, macht arme Menschen noch ärmer, schwächt demokratische Staaten und bereichert radikale Terroristen.“ (…)

Es mutet an, als wären diese Zeilen hellseherisch als Warnung vor Putin geschrieben worden. Und der Westen hat sie geflissentlich überhört, hat leider geschlafen oder noch schnell ein Geschäft gemacht mit dem Diktator. Anstatt die eigene Unabhängigkeit zu sichern, haben wir in zahlreichen Sektoren die Hardware und gleich auch die Software und sämtliches Know how an die Despoten verkauft, ganze Produktionsketten ausgelagert und verschachert und uns so freiwillig und bei vollem Bewusstsein in die Abhängigkeit begeben, weil uns die kapitalistische Gewinnmaximierungsdoktrin blind gemacht hat für das menschliche Maß. Es ist eben viel lohnender, den Kopf in den Sand zu stecken und von der Hand in den Mund zu leben, als mittel- bis längerfristige gesellschaftspolitische Konzepte und Strategien zu entwickeln. Der westliche Politiker denkt zunehmend in den Kategorien der Amtsperioden und setzt natürlich alles daran, möglichst viele seiner Wähler zufrieden zu stellen um wiedergewählt zu werden. Das geht nur, wenn die großen überregionalen und internationalen Probleme ausgeklammert und auf das politische Tagesgeschäft reduziert werden. Längerfristig ist das im Lichte der heutigen geopolitischen Entwicklung leider Selbstmord.

In regelmäßigen Abständen wurden wir von führenden Wissenschaftlern, Philosophen und Denkern schon seit den frühen siebziger Jahren vor diesem Kniefall in die Abhängigkeit gewarnt. Der Bericht des Club of Rome „Grenzen des Wachstums“ von Dennis Meadows (erschienen 1972) und „Tödlicher Fortschritt“ von Eugen Drewermann (erschienen 1981) hätten uns die Augen öffnen können. Die Wahrheit hat uns leider geblendet und zum Wegschauen veranlasst. Und nun stehen wir vor einem Scherbenhaufen, der uns überfordert und die kommenden Generationen vor fast unüberwindbare Herausforderungen stellt. Und so fragen wir uns nun allen Ernstes mit Friedman: Was ist zu tun?

  1. Der Rückzug in einen hoffnungslosen Fatalismus und eine beklemmende Lähmung wäre auf alle Fälle die falsche Haltung und käme einer Flucht bzw. einem Versagen gleich. Die einzige brauchbare Alternative besteht darin, nach vorne zu schauen, aus den Fehlern der Vergangenheit endlich zu lernen, den Problemen, so wie sie sich präsentieren, nicht aus dem Wege zu gehen und konkrete Lösungen anzupacken. Und, was zentral ist, den Wachstumsgedanken ein für alle Mal zu begraben und im Gegenzug danach zu trachten, den derzeitigen Wohlstand zu halten und dauerhaft zu sichern. Das ist Aufgabe genug für dieses Jahrhundert!
  2. Statt neue Märkte für Öl und Gas zu erschließen, wäre es vielleicht an der Zeit, dass wir alle bei uns selbst mit dem Rückbau und der Transformation beginnen, z.B. die Heizung in den Wohnungen auf ein verträgliches Maß drosseln, die individuelle Mobilität eindämmen, die regionale Nahversorgung fördern und so die Unabhängigkeit Schritt für Schritt zurückfahren. Wieder Bescheidenheit lernen und sparsamer leben. Und das wäre noch kein allzu schmerzlicher Verzicht, wie mir scheint.
  3. Vielleicht zwingt uns der Krieg in der Ukraine nun effektiv dazu, über eine Neuorientierung und einen Paradigmenwechsel nicht nur nachzudenken, sondern konkret die Weichen zu stellen für einen Lebenswandel, der den begrenzten Ressourcen der Welt Rechnung trägt. Der konsequente Ausbau der erneuerbaren Energien mit dem Ziel der Selbstversorgung ist auf alle Fälle ein Gebot der Stunde!

Während in der Ukraine unschuldige Zivilisten, Alte, Kranke, Kinder, freie Bürger*innen wie du und ich, abgeschlachtet werden, sollten wir uns einig sein, auf ein letztes Geschäft mit dem Diktator zu verzichten und unser Augenmerk auf die zahllosen Flüchtlinge und Kriegsopfer richten. Sie verdienen unsere Solidarität und Hilfe, denn sie kämpfen auch für unsere Freiheit und Demokratie!

jd

 

Gais, am 10.03.2022

 

Putin – Stalins blutrünstiger Krieger

 

Am 24. Februar 2022 im Morgengrauen (man fühlt sich unweigerlich an den Beginn des Zweiten Weltkrieges erinnert) hat Putin den Befehl zum schonungslosen Angriff auf die Ukraine gegeben. Russland überfällt mit Waffengewalt ein friedliches, freies und souveränes Nachbarland, verbietet eine freie Berichterstattung und versetzt die eigene Bevölkerung in Angst und Schrecken. Das Wort Krieg wird offiziell aus dem Sprachvokabular gestrichen und mit Spezialoperation ersetzt. Damit bestätigt sich wieder einmal die bittere Erkenntnis, dass im Krieg das erste Opfer eben die Wahrheit ist. Die ganze Inszenierung im Vorfeld also nur schlechtes Theater, um den Westen zu verunsichern und in die Irre zu führen. Der Despot und Aggressor, der Musterschüler Stalinscher Vernichtungslogik zeigt damit nun sein wahres Gesicht. Seitdem herrscht wieder Krieg in Europa. Der deutsche Bundeskanzler Scholz sprach im Bundestag von einer „Zeitenwende“. Wer hätte gedacht, dass nach rund 75 Jahren Frieden erneut die Waffen sprechen und Menschen sinnlos sterben müssen. Aber Putin nimmt keine Rücksicht auf die Friedensarchitektur Europas und der Welt. Er lässt Landsleute, die ihre Meinung friedlich äußern, in Straflager stecken und verschwinden, knebelt die Opposition und die gesamte Bevölkerung mit einer gleichgeschalteten und gefügigen Justiz und hängt zaristischen und imperialistischen Großmachtideologien nach.

Seine Oligarchen-Entourage ist so korrupt wie er selbst und begnügt sich nicht damit, den Staat zu plündern, sondern bekennt sich mehr oder weniger offen dazu, die westlichen Demokratien mit viel Geld zu unterwandern, zu destabilisieren und in eine Krise zu stürzen. Man bedenke nur die zahlreichen vom Kreml in Auftrag gegebenen Cyber-Attacken auf westliche Einrichtungen und auf lebenswichtige Infrastrukturen. Denn mit schwachen und uneinigen Nachbarn lässt sich leichter das eigene dreckige Spiel verfolgen. Zahllosen westlichen Politikern hat dieser Überfall hoffentlich die Augen geöffnet und jede Illusion genommen. Wir haben es in diesem Fall nicht mit einem zu Unrecht Ausgegrenzten zu tun (so stellen es vor allem die zahlreichen Putin-Versteher dar), sondern mit einem Kriegsverbrecher, der sich nicht scheut, die Welt in Brand zu setzen und mit atomaren Horrorszenarien zu drohen. All jene westlichen Politiker, die Putin sogar in die Hände gespielt und offen seine Interessen unterstützt haben (z.B. der deutsche Altbundeskanzler Schröder, oder die österreichischen Altbundeskanzler Kern und Schüssel und die ehemalige Außenministerin Kneissl, die bei ihrer Hochzeit sogar mit dem russischen Bären getanzt hat – um nur einige Exponenten zu nennen), indem sie in den Verwaltungsräten der staatlichen russischen Konzerne seinen weltweiten „schmutzigen Geschäften“ dienten, sind jetzt gefordert, sich öffentlich und in aller Form zu distanzieren und ihre Mitarbeit als grundlegenden Fehler einzugestehen. Und auch alle Rechtspopulisten in den westlichen Demokratien (Salvini, Orban, Le Pen u.v.a.) müssen nun Farbe bekennen und sich eingestehen, dass sie die Gesinnung eines skrupellosen Kriegsverbrechers teil(t)en. Dass im einundzwanzigsten Jahrhundert die geopolitischen Grenzen mit Waffengewalt verändert werden, ist nicht hinzunehmen. Anscheinend können sie aber nur durch ein wirksames und effektives Szenario der Abschreckung auf Dauer gesichert werden. Frieden ist, wie die Demokratie auch, nicht gratis zu haben. Sie müssen im transatlantischen Bündnis tagtäglich gelebt und gesichert werden. Das bedingt eine gemeinsame Sicherheitsarchitektur, ein von Grund auf erneuertes Bündnissystem, den überzeugten Zusammenhalt im Zeichen des Humanismus und der Friedenskultur, sowie nicht zuletzt ein unumstößliches Bekenntnis zu einem demokratischen Leben in Frieden und Freiheit. Erst wenn wir uns in der westlichen Welt darüber einig sind (und die Zeichen stehen mittlerweile zum Glück gut), werden wir dem asiatischen Feuerring der Diktaturen (Russland, China, Nordkorea, Myanmar, Iran, Syrien) standhalten können. Erst wenn Verbrecher wie Putin u.a. vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag gestellt und für die Kriegsopfer und Kriegsschäden zur Rechenschaft gezogen werden, kann die demokratische Welt aufatmen. Bis dahin gilt es, solidarisch zu sein mit den Verfolgten, den zahllosen unschuldigen Opfern in der Zivilbevölkerung, unseren mutigen Freiheitskämpfern in der Ukraine. Denn Putin will nicht nur die Ukraine als freies souveränes Land auslöschen, er zielt ins Herz der Freiheit und der Demokratie. Und genau deshalb ist der Westen gefordert wie noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg. Es gilt, Putin mit aller Konsequenz und Härte wirtschaftlich und politisch zu isolieren, die Verteidigungsfähigkeit des westlichen Militärbündnisses konsequent und durch Aufwendung der erforderlichen finanziellen Mittel wieder sicher zu stellen und unsere Demokratien nach innen zu stärken. Die Freiheit des Denkens und Lebens sollte es uns wert sein, auch wenn wir schmerzhafte Opfer bringen müssen. Das System Putin darf nicht das letzte Wort haben.

 

jd 

 

Demokratie in Gefahr

Baustelle Demokratie

Was wir derzeit im Zusammenhang mit Corona in den westlichen Demokratien erleben, muss allen friedlich gesinnten und freiheitsliebenden Menschen zu denken geben. Ist das, was sich da abzeichnet, der Beginn einer ernsthaften Krise der Demokratie? Da stellt eine Minderheit das gesamte gesellschaftliche System in Frage und nutzt die durch den Rechtsstaat geschützten Grundrechte gegen das System selbst für Agitation, ja trägt den Protest, als Spaziergang getarnt, mit Gewalt auf die Straßen. Wer immer sich dieser Minderheit anschließt und mit gezielten Störmaßnahmen jegliche Schutzbestimmung und gesellschaftliche Konvention zu umgehen versucht, dabei sich selbst und anderen Mitmenschen Schaden zufügt oder sie zumindest gesundheitlich gefährdet, ist nicht schlüssig zu klären und von Mal zu Mal neu zu bestimmen. Da gibt es die rechtsradikalen und gewaltbereiten Extremisten und Rassisten, die radikalsten Feinde einer demokratischen Gesellschaftsordnung. Dann gibt es die sogenannten Querdenker, Coronaleugner und Verschwörungstheoretiker, die jede Form der Einschränkung der Grundrechte zum Schutze der Bürger vor einer Infizierung durch das Corona-Virus (Einschränkung der persönlichen Kontakte u.a.m) mit aller Vehemenz ablehnen, indem sie Lügen und Anschuldigungen streuen, die kein realistisches Fundament haben. Dann gibt es unter ihnen die Chaoten und Anarchisten, die jede Gesellschaftsordnung ablehnen, weiters die Esoteriker und Freidenker nach Steiner, die von alternativen Gesellschaftsordnungen träumen und nahezu sektenartig denken und handeln. Dann gibt es die Unzufriedenen, die aus einer allgemeinen Protesthaltung heraus mitmarschieren. Dann gibt es eine verschwindend kleine Gruppe von Menschen, die die Wirksamkeit der Schulmedizin und mithin auch der Impfungen anzweifeln. Und schließlich sind da noch die Schaulustigen und unbedarften Mitläufer, die einfach dabei sein wollen um zu erleben, wie weit der Protest getrieben werden kann, bis der demokratische Rechtsstaat handelt. Dieses explosive Gemisch wird aus einem okkulten Hintergrund heraus über die sozialen Medien gesteuert und organisiert. Sie bilden die Plattform für dieses gefährliche Kesseltreiben, welches den Rechtsstaat immer wieder an seine Grenzen und - so die Vorstellung zumindest von Teilen dieser Protestbewegung - vielleicht sogar zum Kollaps führt. In seinem Buch Februar 33 beschreibt Uwe Wittstock, wie die Weimarer Republik durch den aufkommenden Nationalsozialismus nach und nach in die Knie gezwungen und schließlich mit Gewalt in eine Diktatur umgeformt wurde. Dabei fallen immer wieder Parallelen zur heutigen Zeit ins Auge.

  • Eine skrupellose, radikale Minderheit versetzt die Gesellschaft in Angst und Schrecken.
  • Feindbilder dienen als Vorwand, um die Gewalt zu rechtfertigen.
  • Die Angriffe auf die Minderheiten der Juden, Migranten und der politisch Andersdenkenden werden mit aller Härte und Konsequenz durchgeführt.
  • Die gemäßigte politische Mitte zieht sich aus dem gesellschaftlichen Leben zurück.
  • Dazu kommt eine Wirtschaftskrise, die einen nicht zu unterschätzenden Teil der Bürger in die Armut treibt.

Nun, diesbezüglich sind wir momentan noch weit entfernt, und dennoch gibt es erste Anzeichen eines wirtschaftlichen Niedergangs, mit einer Inflation um die 5%, mit globalen Lieferengpässen und einer Verteuerung der Rohstoffe um ein Vielfaches und nicht zuletzt mit einer scheinbar unüberwindbaren und stetig wachsenden Kluft zwischen den wenigen Superreichen und dem Großteil der Armen. Und als ob das alles nicht schon genug wäre, haben wir uns seit Jahren mit einer alle Vorstellungen übersteigenden globalen Migration auseinanderzusetzen. Hinzu kommt die Klimakrise, die sich ebenfalls rapide und irreversibel verschärft, mit all den Folgen, die damit zusammenhängen. Also nicht unbedingt die beste Zeit für ein gesellschaftspolitisches Experiment oder gar für eine gewagte politische Infragestellung der Demokratie. Und dennoch gibt es eine nicht zu unterschätzende Anzahl von Mitbürgerinnen und Mitbürger, die dieses gefährliche Spiel neuerdings Tag für Tag an die Spitze treibt und jeden noch so geringen Vorwand nutzt, um unsere Zivilgesellschaft als ein Modell zu deklarieren, welches in ihren Augen ausgedient hat.

Zugegeben: Demokratie funktioniert oft zu bürokratisch, zu umständlich und zeitaufwändig im Meinungsfindungsprozess und zu instabil, weil sich jederzeit neue Mehrheiten bilden können. Aber genau das ist ja die Garantie für ein Leben in Freiheit, Selbstbestimmung und Selbstverantwortung. Protest ist in einer Demokratie immer dann berechtigt und erwünscht, ja sogar notwendig, wenn er sachlich und gewaltlos artikuliert wird. Dann kann er das Salz in der Suppe sein, welches das Gesellschaftssystem stärkt und weiterentwickelt. Und genau deswegen ist unser demokratisches Gesellschaftssystem trotz seiner Unvollkommenheit alternativlos und muss von allen Menschen guten Willens im Sinne der Meinungsvielfalt und der Meinungsfreiheit verteidigt und geschützt werden.

Klar ist aber auch, dass sich gerade unser Rechtsstaat um die berechtigten Forderungen und Anliegen aller seiner Bürger kümmern, dass er die diffusen Ängste vieler Menschen ernst nehmen und einen sozialen Ausgleich finden muss. Es kann nicht sein, dass wir uns - nach dem hoffentlich baldigen Abklingen der Pandemie - über unbequeme Wahrheiten einfach hinwegsetzen und zur Tagesordnung übergehen, nur weil uns diese Auseinandersetzung fordert und vielleicht da und dort zu Abstrichen und zu Kompromissen zwingt, ja z.T. sogar ratlos macht. Die derzeitige Krise bedarf vor allem einer politischen Aufarbeitung im Sinne eines breit angelegten offenen Dialogs aller Gesellschaftsschichten. Niemand verfügt derzeit über ein schlüssiges Konzept zur Befriedung der Gesellschaft, daher muss um Lösungsansätze gerungen werden, muss das vorübergehende Scheitern mit einkalkuliert und das Gespräch immer wieder von neuem gesucht werden. Das ist mühsam und kostet Kraft und Geduld, ist aber der einzige Weg in eine demokratische Zukunft, die für alle Mitmenschen lebenswert ist.    

Gais, am 4.2.2022

Plädoyer für eine lebenswerte Welt

Aufbruch in die Zukunft – ein Weckruf!

Nun hat uns in Europa dieser Sommer zwar in Bezug auf die Pandemie zum zweiten Male eine kleine Verschnaufpause beschert, dafür aber in vielen Teilen der Welt verbrannte Erde, Not und Elend hinterlassen. Die Klimaerwärmung erreicht mittlerweile Ausmaße, die zwar durch den Menschen verursacht, von ihm selbst aber auch mit allen möglichen technischen Hilfsmitteln nicht mehr kontrollierbar sind. Das führt dazu, dass ganze Landstriche durch Hitze, Feuer, Dürre und Flut in Ödnis verwandelt werden und dass, wenn nicht umgehend radikal und konsequent gegengesteuert wird, menschliche Tragödien und Katastrophen auf unserem Planeten vorprogrammiert sind. Obwohl wir über die Zusammenhänge menschlichen Handelns und Wirtschaftens und deren verheerende Auswirkungen auf die Umwelt bis ins Detail Bescheid wissen, stecken wir, von Blindheit geschlagen, in alten Denkmustern fest, sorgen uns in erster Linie weiterhin um Wachstumsraten und genießen ohne Maß die Bequemlichkeiten des eigenen Wohlstands. Stephen Hawking, der hellsichtige Astrophysiker, hat in einem seiner Vorträge schon vor Jahrzehnten vorausgesagt, dass sich die Erde in ein paar hundert Jahren in einen Feuerball verwandeln könnte. Und er begründete seine These mit der stetig wachsenden Erdbevölkerung, mit dem damit zusammenhängenden exponentiell ansteigenden Energieverbrauch und der vom Menschen verursachten Klimaerwärmung. Einleuchtende Argumente konsequent zu Ende gedacht!

Und wie reagiert die Politik auf diese Herausforderung? In unseligen und langatmigen Diskussionen und Konferenzen ist die internationale Staatengemeinschaft nach wie vor versucht, Zeit zu gewinnen, die wir nicht mehr haben. D.h. im Klartext, den Kopf in den Sand zu stecken und die nicht mehr zu übersehnenden Katastrophen als regionale Phänomene einfach kleinzureden. Und vor allem sind wir mittlerweile geschult im Vergessen und Ausblenden, ganz nach dem Motto: Was mich nicht persönlich betrifft, macht mich nicht heiß!

Mehr denn je werden neuerdings in ganz Europa und auf allen Kontinenten wieder neue Grenzen und Mauern errichtet, um sich vor Zuwanderung und Flüchtlingsströmen abzuschotten. Diese Ausgrenzung ist von der Überzeugung geprägt, dass jeder Nationalstaat selbst für sich und womöglich gegen alle anderen es richten und die Zukunft für die eigene Bevölkerung sichern kann. Doch die Klimakrise wirkt sich global aus und kennt keine vom Menschen errichtete Grenzen. Anstatt zu helfen, verschließen wir die Augen vor der himmelschreienden Not, dem Elend und der Verzweiflung zahlloser Mitmenschen und nehmen billigend in Kauf, dass jede Sekunde Kinder und Erwachsene auf der Flucht sterben oder in Flüchtlingslagern ohne Perspektive dahinvegetieren und zum Spielball erpresserischer Regime werden.

Die UNO-Menschenrechtscharta und mit ihr internationale Vereinbarungen und Verträge verkommen zunehmend zu leeren Worthülsen, zu Feigenblättern einer kränkelnden liberalen Gesellschaft. Gerade die Pandemie hat diese extremistische Gesinnung noch verschärft und ist dabei, unsere demokratische Gesellschaftsordnung mittelfristig in eine tiefe Krise zu stürzen, wenn es uns nicht gelingt, einen Minimalkonsens für einen neuen Generationenvertrag, eine gemeinsame Vision für die Zukunft zu entwickeln. Es braucht die Bereitschaft aller Gesellschaftsschichten, an diesem Zukunftsprojekt mitzuarbeiten, ja es wesentlich mitbestimmen zu wollen. Es braucht die vielen Schritte im Kleinen, im eigenen Lebensumfeld, aber vor allem Schritte im großen Zusammenhang. Dabei kann es keine heiligen Kühe geben, alle bisherigen Denkmodelle gehören auf den Prüfstand und müssen im Lichte einer nachhaltigen Zukunftssicherung neu gewichtet werden.

Es braucht ein neues Verantwortungsbewusstsein und die Bereitschaft, die schlafenden Kinder unserer Gesellschaft wachzurütteln und unmissverständlich klar zu machen, dass wir es nur gemeinsam in einer Art Aufbruch hin zu wirksamer Nachhaltigkeit und Begrenzung, zur Bescheidung und zum menschlichen Maß vielleicht noch richten können. Bereits in den siebziger Jahren hieß die Devise: small is beautiful! Doch die Industrienationen – gesteuert vom Neoliberalismus und einem zügellosen Markt - haben diese in einer Art Wachstumsrausch mit einem „schneller, höher, weiter“ beantwortet. Und sie hatten vordergründig dabei auch noch Erfolg, wenn man die verheerende und irreversible Ausbeutung der verfügbaren Ressourcen, das weltweite Artensterben sowie die Hunger- und Migrationskatastrophen nicht in die Bilanz einbezieht. In Zukunft (beim nächsten internationalen Klimagipfel im Glasgow wird die Stunde der Wahrheit definitiv schlagen!) dürfen nicht mehr Einzelinteressen, sondern immer das Allgemeinwohl, das Überleben der Menschheit auf dem Planeten Erde im Fokus unseres Handelns stehen. Eine Utopie?

Mag sein, aber immerhin ein Hoffnungsschimmer, für den sich unser aller Einsatz lohnen würde. Wenn wir wollen, dass zukünftige Generationen, also unsere Kinder und Enkelkinder, noch einen lebenswerten Planeten vorfinden, dann ist es jetzt an der Zeit konsequent zu handeln. Die Veränderung beginnt also jetzt! Zuerst in unseren Köpfen!

„Früher dachte ich, dass die größten Umweltprobleme der Verlust der Artenvielfalt, der Kollaps der Ökosysteme und der Klimawandel wären. Ich dachte, 30 Jahre gute Wissenschaft könnte dieses Problem angehen. Ich habe mich geirrt. Die größten Umweltprobleme sind Egoismus, Gier und Gleichgültigkeit, und um mit ihnen fertig zu werden, brauchen wir einen kulturellen und spirituellen Wandel. Und wir Wissenschaftler wissen nicht, wie man das macht.“ Gus Speth (*1942), Professor für Umweltpolitik und nachhaltige Entwicklung an der Yale Universität in New Haven, Connecticut

Empfehlenswerte Literatur:

  • Eckhart von Hirschhausen: Mensch Erde! Wir könnten es so schön haben
  • Frank Schätzing: Was, wenn wenn wir einfach die Welt retten?
  • Tom Burgis: Kleptopia

 

JD

Interview PZ 13 - vom 1.7.21

Er hat viele Jahr lang unterrichtet, war Direktor, Schulführungskraft und Schulinspektor. Zahlreiche richtungsweisende Reformen und Entwicklungen tragen seine Handschrift: Josef Duregger, 72 aus Gais. Man kann ihn durchaus auch als Dichter und Denker bezeichnen. Denn seit seiner Pensionierung vor rund 10 Jahren hat sich Duregger der Literatur und Kultur verschrieben. Er schreibt Bücher und leistet ehrenamtliche Kulturarbeit, besonders für seinen Heimatort Gais. Vor allem ist Duregger aber auch ein kritischer und mahnender Zeitgeist. Im Interview spricht er über Coronaleugner, die sozialen Medien, Kultur, Religion.

 

Herr Duregger, in verschiedenen Leserbriefen gehen Sie mit Coronaleugnern, Testverweigerern und Virusverharmlosern schwer ins Gericht. Vergiften diese Personen das friedliche Zusammenleben oder sind es einfach nur Spinner?

 

Ich bin grundsätzlich kein Leserbriefschreiber, aber gemeinsam mit einigen Schulkollegen habe ich mich in letzter Zeit einige Male zum Thema Corona geäußert und meine/unsere Meinung offen zum Ausdruck gebracht, weil man oft den Eindruck hat, dass der öffentliche Diskurs von Menschen bestimmt wird, die sich möglichst laut und extrem äußern. Diese Corona-Pandemie hat uns seit einem guten Jahr im Würgegriff und stellt uns wirtschaftlich, sozial, kulturell und menschlich vor eine harte Probe. Jeder Leserbriefschreiber hat als Mensch meinen vollen Respekt, aber die öffentliche Meinung darf man nicht nur Randgruppen überlassen.  Ich erlaube mir, immer dort Widerspruch anzumelden, wo ich die Meinungsvielfalt, Toleranz und den Respekt vor der menschlichen Würde in Gefahr sehe. Dabei möchte ich klarstellen, dass ich die sozialen Medien im Unterschied zu machen Experten nicht nur als Segen für unser demokratisches Zusammenleben in Frieden und Freiheit sehe, sondern sehr wohl auch als Gefahr. Wer hinter die Kulissen geschaut hat (wie z.B. der Autor Christopher Wyle in seinem Buch Mindf*ck nachzulesen), der hat anhand von Fakten aufgezeigt, wie es gerade über die sozialen Medien möglich sein kann, Wahlen in gefestigten Demokratien zu gefährden oder gar zu manipulieren. Das sagt alles über die Möglichkeiten der sogenannten sozialen Medien. Die Zivilgesellschaft in unseren westlichen Demokratien ist gut beraten, gewisse Auswüchse als solche zu erkennen und alles zu unternehmen, dass diesem Treiben Grenzen gesetzt werden. Das friedliche Zusammenleben in Gruppen, Dörfern, Gemeinden, Ländern ist getragen vom Dialog, von Meinungsvielfalt, von einer lebendigen Streitkultur, und vom Bemühen, einen Grundkonsens in lebenswichtigen Belangen zu erreichen. Immer dort, wo das unmöglich gemacht wird, ist unsere Demokratie in Gefahr.  Ab und zu habe ich den Eindruck, dass wir als Wohlstandskinder den Kompass verloren haben und die christlich-sozialen Grundwerte auf unserem Weg nach und nach aufgegeben haben. Werte wie Toleranz, Hilfsbereitschaft, Respekt und die Menschlichkeit - was sind sie uns noch wert? Wir entwickeln uns zu rücksichtslosen Individualisten.  

 

Wie soll man Ihrer Meinung nach solchen Personen begegnen?

 

Nicht indem man sie verteufelt, ihre Sprache und ihre Verschwörungstheorien einfach ins Gegenteil verkehrt und sie an den Pranger stellt, sondern indem man ganz klar, sachlich und nüchtern aufzeigt, dass die große Mehrheit der Bevölkerung mit Hasstiraden und persönlichen Angriffen, mit Verleumdungen, Anschuldigungen und Bedrohungen nicht einverstanden ist und Widerspruch anmeldet. Niemand von uns hat die alleinige Wahrheit gepachtet, aber wer, wenn nicht die Wissenschaft und der kollektive Sachverstand sollten uns aus dieser Krise führen, die die Gesundheit der Menschheit auf diesem Planeten gefährdet?  Und genau so halte ich es und orientiere mich in meinen Äußerungen an den Erkenntnissen der wissenschaftlichen Forschung und einer transparenten und verlässlichen Information durch unabhängige Medien.

 

Welche Rolle spielen die sozialen Medien?

 

Die sozialen Medien haben in den letzten Jahrzehnten Kommunikationsplattformen geschaffen und Möglichkeiten eröffnet, die einer Revolution gleichkommen. Die Entwicklung ging so rasant, dass selbst Experten oft gar nicht mehr alles durchblicken. Es sind Grauzonen (darknet) entstanden, die auch ein Tummelplatz sind für Cyber-Kriminalität und Pädophilie. Aber selbst vermeintlich harmlosere Spielformen können in Summe Schaden anrichten, wie wir anlässlich von Wahlen in demokratischen Ländern gesehen haben. Auch fehlt mir in diesen Medien vielfach der Anstand, der Respekt vor der Meinung der Andersdenkenden und ein gewisser Grad an Bildung. Und ich meine hier in erster Linie Herzensbildung. 

 

Wie leicht oder schwer sind Menschen beeinflussbar?

 

Wer Verschwörungstheorien anhängt, hat meist festgefahrene Denkstrukturen und wittert hinter wissenschaftlichen Informationen einen Angriff auf die individuelle Freiheit. Alles, was nicht in einer Linie mit der Verschwörungstheorie steht, ist aus ihrer Sicht vermutlich verwerflich und muss bekämpft werden. Diese Menschen finden sich häufig in mehr oder weniger gleichgesinnten Gruppen, die sich gegenseitig aufstacheln. Nicht selten sind Vertreter vom rechten politischen Spektrum dabei, die dann eine sachliche politische Diskussion verteufeln und damit die Demokratie gefährden.

 

Meinungsvielfalt, politische Auseinandersetzungen und Diskussionen sind wichtig. Ist die Demokratie dennoch in Gefahr?

 

Ich bin ein vehementer Befürworter der Meinungsvielfalt und Meinungsfreiheit. Ich bezeichne Kritik als das Salz des parteipolitischen Geschäfts. Nur in Diktaturen ist lediglich eine Meinung erlaubt, und das wollen wir nach gerade mal 70 Jahren Naziterror doch hoffentlich alle nie wieder. Ich bin aber auch ein Verfechter jener Kritik, die sich an Lösungen für die Probleme unserer Zeit abarbeitet und bestenfalls eine Vision für die Zukunft hat, die weiterhin Wohlstand, Frieden und Freiheit garantiert.

 

Sind diese Entwicklungen durch Corona verstärkt oder gar verursacht worden oder hat Corona nur das zu Tage befördert, was schon lange im Untergrund schlummert?

 

Beides. Corona hat uns alle kalt erwischt. Niemand, nicht einmal die wissenschaftlichen Eliten haben so ein Szenario konkret angedacht. Um so unvorbereiteter traf es uns dann. Selbst als in China, wo die Pandemie ihren Anfang nahm, schon Millionenstädte komplett abgeschirmt wurden, haben wir noch ahnungslos zugewartet. Europa befand sich wegen des Brexit und anderer schwerwiegender Probleme noch immer in Schockstarre. Dieser Umstand hat sicher dazu beigetragen, die Bevölkerung zu verunsichern und den Glauben an die Wirksamkeit der Wissenschaft und der Politik zu unterminieren. Und natürlich ist dann der Weg zu den bekannten Verschwörungstheorien a la Trump nicht mehr weit. Corona hat dann im Verlaufe der Zeit viele Probleme zusätzlich verschärft. Denken wir nur an den anhaltenden Lockdown, der das ganze soziale Leben zum Stillstand und die Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen an den Rand des Verkraftbaren gebracht hat.

 

Was kommt da noch auf uns zu?

 

Erstmal kommt ein riesiger Schuldenberg auf uns zu, der auch zukünftige Generationen noch belasten und vor große Herausforderungen stellen wird. Dazu kommt, dass wir uns weltweit in einer Transformationsphase befinden und neue Antworten finden müssen auf die drohende Klimakatastrophe und auf eine nachhaltigere Nutzung der Ressourcen. Das alles kostet Geld. Und nicht zuletzt sehen wir in mehreren Ländern (auch in Europa) wieder ein Erstarken rechter Parteien und ein Wiedererwachen nationalistischen Denkens. Vielerorts wird der Ruf nach einem starken Mann wieder lauter und unverhohlener geäußert. Wer hätte je gedacht, dass sich Amerika mit Trump als Präsidenten in ein politisches Abenteuer mit unbekanntem Ausgang wagt? Das geopolitische Gleichgewicht geriet in Schieflage, die Krim annektiert, der Donbass besetzt und in einen Krieg verwickelt, die Freiheit Hongkongs geknebelt, ganz zu schweigen von der prekären und bedrohlichen Lage in Afrika und Südamerika.

 

Sind sie ein religiöser Mensch? Welche Bedeutung hat heute Religion noch?

 

Ich bekenne ganz offen: ich bin kein Vorzeige-Christ und mein Glaube ist oft von starken Zweifeln geprägt. Aber ich lebe eine gewisse Spiritualität, die die Frage nach Gott oder einem höheren Wesen mit einschließt. Ich habe mich in der Vergangenheit relativ intensiv mit Befreiungstheologie und mit den kritischen Denkansätzen Küngs oder Drewermanns auseinandergesetzt. Mit zunehmendem Alter tauchen selbstverständlich Fragen auf wie: Gibt es ein Leben nach dem Tod? Und genau diese Frage trifft uns als religiöse Wesen im Zentrum unserer Existenz und unseres Denkens. Auf Ortsebene arbeite ich, wie zum Glück viele andere auch, im Pfarrgemeinderat mit und leite in dessen Auftrag einen Arbeitskreis, der bemüht ist, Akzente zu setzen im Bereich der religiösen Erziehung. Der katholischen Kirche wünsche ich mehr Reformfreudigkeit generell und insbesondere eine Öffnung in Richtung Weihe der Frauen zu Priesterinnen. Die Protestanten machen es uns ja erfolgreich vor.

 

Reden wir kurz über Kultur. Marcus Garvey sagte einmal: Ein Volk ohne Kenntnis seiner Geschichte, seines Ursprungs und seiner Kultur ist wie ein Baum ohne Wurzeln. Können Sie dem zustimmen?

 

Er trifft den Nagel auf den Kopf. Es ist schon eigenartig, dass in unserer Gesellschaft Kultur oft als Luxus angesehen wird, auf den man im Zweifelsfall verzichten kann. Dabei ist Kultur das Fundament einer freien Zivilgesellschaft. Sie setzt Kräfte frei, die das Schöne und Gute im Menschen zum Ausdruck bringen. Einmal abgesehen vom wirtschaftlichen Aspekt des Kulturbetriebs, der nicht zu unterschätzen ist, bereichert Kultur unser Leben und macht uns zu glücklicheren Menschen. Wenn‘s dann aber konkret wird, dann scheiden sich auch in den Gemeindestuben oft die Geister und die Kultur wird auf das Abstellgleis gestellt. Seit Jahrzehnten bemühe ich mich, unseren zuständigen Kulturlandesräten vorzuschlagen, das immaterielle Erbe Südtirols (sprich: das kulturelle Erbe) systematisch zu erfassen, zu dokumentieren und die vielen prägenden Dinge nach und nach in das UNESCO-Weltkulturerbe eintragen zu lassen. Was frühere Generationen an Kultur geschaffen haben, sollte uns Auftrag genug sein, es zu erhalten und in unser historisches Gedächtnis zu integrieren.  Corona hat wieder einmal unmissverständlich gezeigt, dass auch die Politik die Kultur als unwichtigste Nebensache der Welt betrachtet, ein Phänomen, das rund um den Globus nach den gleichen Mustern abläuft. Und dennoch möchte ich, dieser allgemeinen Stimmung zum Trotz festhalten: eine Gesellschaft, welche die Kultur vernachlässigt, endet früher oder später im Totalitarismus, in dem Dummheit und Gewalt den Ton angeben.

 

Herr Duregger, die Welt wird immer digitaler. Auf alle Fragen bekommt man im Internet eine Antwort. Wie wichtig ist Bildung dennoch?

 

Die Bedeutung der Bildung ist unumstritten. Wir haben in unserem Bildungsmanifest (Vgl. dazu: josefduregger.eu) versucht, diese Frage vertieft zu betrachten. Bildung ist der Garant für die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft. Gerade die digitale Revolution zwingt uns, mehr denn je in die Bildung zu investieren und ihr im gesellschaftlichen Diskurs eine zentrale Rolle zuzuerkennen. Wir stehen nämlich immer mehr im globalen Wettbewerb und müssen beweisen, dass wir den Herausforderungen der Zeit gewachsen sind. Unsere Lehrer und Erzieher verdienen mehr Anerkennung, der Berufsstand insgesamt muss eine Aufwertung erfahren, wenn wir wollen, dass auch in Zukunft alle Kinder dieselben Bildungschancen erhalten sollen. Ich habe ein Leben lang auf mehreren Ebenen einer gediegenen Bildung unserer Jugend das Wort gesprochen und mich tatkräftig dafür eingesetzt, dass Schulabgänger im Berufsleben erfolgreich sein können, unabhängig davon, welchen Beruf sie ergreifen.   

 

In welcher Welt wachsen Enkelkinder heute auf? Und was geben Sie ihnen mit auf den Weg?

 

Da ich mittlerweile selbst mehrfacher Opa geworden bin, habe ich das Glück, das Aufwachsen der Kinder aus einem neuen Blickwinkel begleiten zu können. Es ist eine wunderbare Aufgabe und Herausforderung zugleich, denn die heutige Zeit bietet so viele Ablenkungen und so viel Firlefanz, dass die Gefahr groß ist, an der Oberfläche zu verhaften und Belangloses zu fördern. Zugleich sehe ich auch die Gefahren, die das moderne Leben unseren Enkelkindern über die sozialen Medien zuträgt. Es bedarf in Zukunft also mehr denn je einer intensiven persönlichen Begleitung durch empathische Erzieher und Lehrer, durch Eltern und Großeltern, welche den Kindern und Jugendlichen in dieser schnelllebigen Zeit Halt und Orientierung geben und ihnen vermitteln, dass Kultur (z.B. Bücher oder Musik) nach wie vor Berge versetzen kann.   

 

An was arbeiten Sie momentan und welche Projekte haben Sie geplant?

 

Momentan arbeite ich konkret an der Herausgabe eines Kinderbuches in Zusammenarbeit mit einer Klasse der Mittelschule Ursulinen, welche die Illustration desselben übernehmen wird. Es ist für mich unglaublich bereichernd und beglückend, mit Kindern und Jugendlichen arbeiten zu können. Ihre Spontaneität und Kreativität ist ein Jungbrunnen für jede alternde Seele. Mehr möchte ich über meine anstehenden Vorhaben noch nicht verraten. Nur so viel: es gibt keinen Stillstand in der Pension!  

 

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute!

 

 

 

 

 

Unser Standpunkt zu Corona

Demokratie lebt von Meinungsvielfalt, von politischer Auseinandersetzung in öffentlichen Debatten, von einer zivilisierten Streitkultur und letztendlich von Mehrheitsentscheidungen. Jede*r überzeugte Demokrat*in wird dieses Postulat vollinhaltlich und ohne Einschränkung unterschreiben. Was wir derzeit aber im Zusammenhang mit der Covid-Pandemie von einer kleinen Gruppe von fanatisierten Impfgegnern*innen, Coronaleugnern*innen, Testverweigerern*innen und Virusverharmlosern*innen zu hören bekommen, spottet jeder demokratischen Spielregel und ist über weite Strecken Ausdruck einer Verrohung und Enthemmung von Teilen unserer Gesellschaft vorwiegend auf den Plattformen der sozialen Medien. Ja es nimmt teilweise schon anarchische Züge an. Diese Demagogen*innen und Chaoten*innen scheuen nicht davor zurück, Andersdenkende als Todfeinde zu erklären, sie mit Hasstiraden zu überschütten und in erniedrigender Weise zu beleidigen, ja Lokalpolitikern*innen und politischen Verantwortungsträgern*innen sogar Gewalt anzudrohen. Wer solche Verhaltensweisen an den Tag legt, verstößt nicht nur gegen geltendes Recht und stellt sich damit bewusst außerhalb der demokratischen Gesellschaftsordnung, sondern hat zudem jeden Anstand verloren. Da sich diese Mitbürger*innen sachlichen Argumenten komplett verschließen und dazu noch haarsträubende Lügen in die Welt setzen, sollte die Mehrheit der Zivilbevölkerung mehr denn je solidarisch zusammenhalten und diesen Auswüchsen mit Zivilcourage begegnen. Demokratie ist in unseren Zeiten leider kein Selbstläufer mehr, sie will tagtäglich erkämpft und verteidigt werden. Es kann und darf nicht sein, dass eine Minderheit das friedliche Zusammenleben der Menschen vergiftet, die politische Agenda bestimmt und den Versuch unternimmt, den Rechtsstaat schrittweise zu delegitimieren. Wo die Gesundheit der Bevölkerung wider besseres Wissen gefährdet wird, sind der individuellen Freiheit Grenzen zu setzen, denn spätestens da artet sie in Verantwortungslosigkeit aus. Lasst uns also im Sinne des Allgemeinwohls und im Gedenken an die zahllosen von der Pandemie verursachten Todesopfer gemeinsam und mit allen zur Verfügung stehenden demokratischen Mitteln an der Bekämpfung der Pandemie arbeiten und den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken, um möglichst rasch wieder zu einer „normalen Lebensführung“ zurückkehren zu können.

 

Josef Duregger

Markus Falkensteiner

Reinhold Falkensteiner

Leonhard Niedermair

Coronablues – ostern 2020

ein virus kam jüngst in unsere welt
wir hatten uns sowas nicht vorgestellt
denn wir wähnen uns unglaublich schlau
und stehlen der natur tagtäglich die schau
mit unserem technologischen firlefanz
sie krönt uns nun mit einem kranz
den sie uns aus china kassibert
weil man dort recht hörig fiebert
und obendrein per app überwacht
die menschen total gefügig macht
die diktatur funktioniert auf tadellose weise
wo es hakt hilft sie nach ganz leise
löscht aus den bevölkerungsregistern
die kritiker dichter und andere philister
wie sie es nennt
weil sie freies denken nicht kennt
auch die ignoranz ist virulent auf twitter
diese wahrheit ist für demokraten wirklich bitter
nun sind wir bedient ohne recht zu wissen
die lage ist in vielen ländern beschissen
lockdown heißt auch bei uns die devise
totaler stillstand nach adam riese
wir schließen k u r z mal die grenzen
wurscht was die flüchtlinge auf lesbos denken
oder die nachbarn in der europaregion
eine laune der geschichte was ist das schon
haben mit uns selbst genug zu schaffen
löcher bereits im haushalt klaffen
du bleibst daheim mit frau und kindern
das wird zwar dein persönliches einkommen mindern
dafür aber hast du jetzt viel zeit nachzudenken
kannst deinen lieben endlich aufmerksamkeit schenken
die wohnung putzen und den keller ausräumen
von einem normalen leben träumen
mit den verwandten telefonieren
und nie auch mal kurz die nerven verlieren
auf engstem raum in totaler isolation
herrscht bisweilen dennoch oft ein rauer ton
aber ausrutscher nehmen wir in kauf
das ist nämlich des lebens realer lauf
die politik soll dieses dilemma lösen
hie die braven dort die bösen
auseinanderhalten und klar trennen
die regeln muss ein jeder kennen
die eigene suppe kocht jedes land
das liegt seit t r u m p wohl auf der hand
das wohlergehen der nation steht auf dem spiel
ein gesunder egoismus ist das ziel
was der globale markt zugrunde richtet
fühlt sich die nation zu sanieren verpflichtet
doch leider haben alle zu spät erkannt
dass solidarität nur auf dem papiere stand
mit worten schmücken sich viele narren
wollen in der wählergunst verharren
oder sich über die krise sogar profilieren
wer nicht hoch pokert wird verlieren
sollen es doch die virologen und ärzte richten
die menschen heilen erfüllen die pflichten
dann wird der spuk schon ein ende nehmen
ohne dass wir uns allzusehr grämen
weil wir gespart am falschen ort
das ist leider ein schmerzlich klares wort
das aber wohl niemand hören will
auch die wutbürger bleiben seltsam still
so stehn wir vor einem scherbenhaufen
in den friedhöfen türmen sich zu haufen
die gräber mit unseren senioren
sie haben wir leider für immer verloren
es bleibt uns nicht einmal zeit zu trauern
diese gesellschaft ist wirklich zu bedauern
die statistik hat momentan hochkonjunktur
die parabeln der fallzahlen glauben wir stur
heilig und sind stolz auf unsere aufgeklärte zivilisation
denn finstere epochen hatten wir schon
als die mythen noch unser narrativ erzählten
den menschen zum bewahrer der natur erwählten
doch geist und vernunft haben alles durchdrungen
weltrekorede sind durch menschliche hybris gelungen
im anthropozän steuert der mensch den planeten
wenn es sein muss sogar mit atomraketen
wenn wir konsequent neoliberal kapitalistisch denken
wird uns das virus weitere bescherungen schenken
doch wer verzichtet auf wohlstand und gewinn
ist das nicht des lebens letzter sinn
bildung und kultur müssen sich bescheiden
künstler sind es gewohnt zu leiden
drum lasst uns die beschränkung der freiheit feiern
das hören wir zurzeit auf allen leiern
ehrlich gesagt wüsst ich‘s auch nicht besser
es ist ein tanz auf der schneide der messer
die schon gewetzt sind für den fall des falles
gehorsam als lebenskunst das ist momentan alles
und bitte auch in zukunft kein handshake
ist vielleicht auch unsere demokratie ein fake

 

josefduregger