Bildungsinitiativen


Rückblick

Belletristik – Glanzpunkte 2021

 

  • Tove Ditlevson – Kindheit, Jugend, Abhängigkeit (Trilogie)
  • António Lobo Antunes – Bis die Steine leichter sind als Wasser
  • Sally Rooney – Schöne Welt wo bist du
  • Amanda Gorman – Den Hügel hinauf
  • Alex Schulman – Die Überlebenden
  • Viktor Martinowitsch – Revolution
  • Judith Hermann - Daheim
  • Juli Zeh – Über Menschen
  • Bernhard Schlink – Die Enkelin
  • Helga Schubert – Vom Aufstehen
  • Christoph Ransmayr – Der Fallmeister
  • Edgar Selge – Hast du uns endlich gefunden

Das ist meine Shortlist der besten Bücher 2021. Überflüssig zu erwähnen, dass mich diese Bücher im zu Ende gehenden Jahr zutiefst bewegt und zum Teil sogar erschüttert haben. Und dennoch waren sie für mich eine beglückende Bereicherung und eine überaus wichtige Leseerfahrung. Es sind Bücher, die die/den Leser/in in ihren Bann schlagen und nicht mehr loslassen: einmal der Sprachkunst wegen, ein anderes Mal, weil sie den Zahn der Zeit punktgenau treffen und ein drittes Mal, weil sie Charaktere zeichnen, die in Abgründe sehen aber trotz aller Widrigkeiten widerstehen. Und schließlich auch, weil selbst in unserer maroden Welt eine echte Liebe erblühen kann. Wer hätte je geglaubt, dass so etwas Einmaliges in unserem digitalen Hamsterrad noch möglich ist. Ja, es braucht nur etwas Mut und Geerdetsein im Hier und Jetzt. Auf alle Fälle spielt die Kindheit bei all diesen Protagonisten in vielerlei Hinsicht eine zentrale Rolle. Es ist nach wie vor die Lebensphase, die die Identität eines Menschen bestimmend formt. Und da geschieht Unsagbares, Verstörendes, Erniedrigendes, Beschämendes und nicht zuletzt Gewalttätiges. Und das gerade in einer aufgeklärten zivilisierten Welt, die sich in Sonntagsreden gerne mit Worten wie Freiheit, Toleranz und Gleichberechtigung schmückt! In dieser Hinsicht sind viele dieser Bücher zugleich ein Mahnmal gegen die Übergrifflichkeiten in allen Gesellschaftsschichten. Zurück bleiben die seelischen Wunden, die nicht heilen und mit zunehmendem Alter immer vehementer und unerbittlicher zu Tage treten. Wir leben also in einer Zeit, die nicht gemacht ist für schönfärbende Heimatromane und Erfolgsgeschichten. Im Spiel zwischen Gelingen und Scheitern erfahren sich die Protagonisten immer häufiger als Verlierer. Insofern öffnen uns diese Bücher allesamt die Augen für die nackte Realität um uns. Und auch dafür lohnt es sich, sie zu lesen. 

Der Akrobat der Lüfte

Begegnung mit dem Wanderfalken auf der Holzeralm im Grubach/Prettau am 1.9.2021

 

Nach einer langen Unwetterperiode mit Schnee und Frost in den Bergen und Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt in den Tälern, war es wie eine Offenbarung, als ich am 1. September zum jährlichen Treffen mit Freunden auf die Holzeralm aufbrach. Der Himmel präsentierte sich wolkenlos, während die Sonne so nach und nach jeden Winkel einer bereits herbstlich gefärbten Natur erwärmte. Zwar schimmerten die Rot- und Gelbtöne noch eher pastellen, doch der Gesamteindruck ließ keinen Zweifel aufkommen, dass nun der Herbst als bestimmende Jahreszeit sein Regiment führte. Die Hohen Tauern und auch der Hausberg, der Rauchkofel, strahlten im Neuschneeweiß, und über die Hundskehle zog wie üblich ein recht raues Lüftchen. Das tat unserer Stimmung aber keinen Abbruch, hatten wir doch dicke Jacken dabei samt Mützen und Handschuhen. So ließ sich die Kälte wunderbar ertragen, als wir raschen Schrittes zum Waldnersee aufstiegen. Zwischendurch machten wir kurz Halt und genossen die glasklare Fernsicht bis zu den höchsten Spitzen, auch das Septemberblau eines frisch gefegten Himmels versetzte uns ins Staunen. Das ist der Herbst in der Alpinregion, der uns mit seiner Scheinblüte noch einmal die Seele erwärmt, bevor der Winter einkehrt. Das sind die Märchen, die die Natur erzählt.

 

Auf der Seeoberfläche kräuselten Wellen, vom Wind gespielt wie ein Instrument. Im smaragdgrün aufblauenden Wasser brach sich der Rauchkofel, der seinem Namen alle Ehre machte. Er war, wie fast das ganze Jahr über, mit einer weißen Wolkenfahne versehen, so als ob ihn Christo an seiner Spitze in Watte gehüllt oder angezündet hätte. Im steilen Kar gegen das Hundskehljoch hin stand ein Rudel Gämsen und äste. Diese Kletter- und Lebenskünstler der Berge ringen mir als Jäger und als Mensch bei jeder Sichtung Respekt und Staunen ab. Wer in den höchsten Bergen zu überleben gelernt hat, und das zu jeder Jahreszeit, der begnügt sich mit einem kargen Brot, vor allem in den nicht mehr enden wollenden Wintermonaten. Im Sommer vom Steinschlag gefährdet, im Winter durch Lawinenabgänge, und neuerdings das ganze Jahr über beunruhigt und gestört durch einen exzessiven Freizeittourismus, der – von elektrischen Antrieben unterstützt - auch noch in die letzten unberührten Winkel der Natur den Lärm und den Abfall der Menschen trägt. Lange beobachteten wir schweigend ihr Treiben. Die akrobatischen Einlagen der Kitze und die Gelassenheit und Umsicht der Leitgeiß versetzte uns irgendwie in Sprachlosigkeit. Erst als über den Lausitzerweg die ersten Wanderer auftauchten und sich gegenseitig mit lauten Zurufen verständigten, zog das Rudel rasch und von den Schreihälsen unbemerkt ab. Das war‘s wieder einmal für ein paar Tage. 

 

Auch wir stiegen zur Holzeralm ab und bereiteten uns dort ein Mittagessen. Es ist uns schon eine liebgewordene Tradition, dass bei diesen Almtreffen Wildgerichte aufgetischt werden. Am Nachmittag dann, als die Freunde schon den Heimweg angetreten hatten, saßen meine Frau und ich vor der Hütte und wärmten uns wie zwei Sonnenanbeter für eine Weile wortlos nebeneinander. Plötzlich vernahmen wir einen lauten Knall und ein eigenartiges Rauschen. Ein Wanderfalke hatte genau über unserer Hütte eine Ringeltauge geschlagen. Der Geschwindigkeitsrekordhalter schlug aus dem Nichts zu. Sein Aufprall auf dem Opfer und sein Tempo im Sturzflug klangen wir der Schuss aus einer Kleinkaliberwaffe. Wie eine Rakete schoss er aus dem Himmel. Ich konnte nur mehr den davonschießenden dunklen Jäger und seinen Schatten erkennen. Wanderfalken töten die Beute im Flug, vor allem mit dem scharfkralligen Hinterzeh. Wenig später segelten aus der Luft im Gegenlicht der Sonne zwei weiß-schwarze leichte Federchen zu Boden. Sie waren für mich die Botschaft aus dem Jenseits, eine Art Blindenschrift des Todes. In wenigen Sekunden war der tödliche Angriff vorbei. Stille trat ein. Kein Vogelschrei mehr, doch die Luft vibrierte noch immer und zog mich in ihren Bann. Wie gelähmt saßen wir da und verstanden anfangs nicht, was geschehen war. Doch dann klingelte es in meinem Kopf. Hatte ich doch erst kürzlich das wunderbare Buch von T.A. Baker Der Wanderfalke zum wiederholten Mal gelesen.

 

Dieses einfühlsame Porträt eines Raubvogels hat es in sich. Selten zuvor war es einem Schriftsteller gelungen, sich mit dem Tier, das er beschreibt, geradezu zu identifizieren, sozusagen selbst zum Tier zu werden. In kristallinen lyrischen Worten versucht der Autor, dem Wanderfalken in seinem Lebensraum nahe zu kommen, sein Verhalten zu verstehen. Dieser äußerst scheue Vogel fürchtet, wie alle Wildtiere, vor allem das Unvorhersehbare. Bei der Jagd ist er ein scharfsinnig analysierender Perfektionist, und dennoch geht vor allem bei Jungtieren der ein oder andere Beutezug ins Leere. Aber Übung macht den Meister. 

 

Sie jagen mit dem Wind, nutzen ihn sozusagen auf ihre Weise zur Optimierung der Jagdeffizienz. Kein Wunder, denn wer mit nahezu tierischer Überschallgeschwindigkeit in der Luft unterwegs ist (Wanderfalken erreichen im Sturzflug an die 300 km/h), muss selbst heftigere Windböen nicht fürchten. Und genau das macht ihn zum Schrecken der anderen Vögel. Wenn der Wanderfalke am Himmel auftaucht, gerät die Vogelwelt blitzartig in Aufruhr. Ein jedes Tier versucht sich in Sicherheit zu bringen. Aber gerade dieses panische Durcheinander bezweckt der Jäger eben, denn dann hat er leichteres Spiel, sein Opfer ins Fadenkreuz zu nehmen. Die Flüchtenden spüren instinktiv die Gefahr, sie fürchten das Fallbeil und ahnen bereits den Tod. Ab dem Zeitpunkt, ab dem der Wanderfalke sein Opfer fokussiert hat, gibt es kein Entrinnen mehr. Das Todesurteil ist gefällt. Nun muss man wissen: er tötet ja nicht zum Spaß, sondern nur zum eigenen Überleben. Und das ist im Tierreich ja nichts Außergewöhnliches, sondern Normalität. Fressen und gefressen werden ist der Kreislauf der Natur, und dennoch bleibt sie, vom äußerst folgenschweren Einwirken des Menschen einmal abgesehen, im ökologischen Gleichgewicht und erfreut und beglückt uns mit ihrer Schönheit und ihrer Vielfalt, mit ihrem evolutionären Wissen und der Erkenntnis, dass eben alles sinnvoll zusammenhängt und sich gegenseitig bedingt. Und in den ganz seltenen Momenten mit Erlebnissen, die einem Gänsehaut auf den Körper zaubern, so wie eben die Begegnung mit dem Wanderfalken auf der Holzeralm.

 

jd  

Unsere Bücherstraße

Die Bücherstraße

Der Titel erinnert ein wenig an die Fernsehsendung für Kinder im Vorschulalter „Sesamstraße“, in der verschiedene Stoffpuppen versuchen, die Welt auf einfache Weise zu erklären. Eine Straße führt immer von mir zu dir, zu vielen anderen Menschen und Lebewesen, die meine Neugier und die Neugier der Kinder wecken, und die ich daher kennen lernen möchte. Bücher sind auf diesen Lebensstraßen der Kinder so etwas wie Leitplanken, wie Verkehrsschilder, die Orientierung und Sicherheit geben. Nichts lieben Kinder im Vorschulalter mehr, als bunte und reich illustrierte Bücher, in denen ihr Lebensumfeld in allen möglichen Facetten geschildert wird. Da gibt es Tiere, die sprechen und allerlei Schabernack vollführen, oder eine Vielzahl an Phantasiegestalten, die einfach nur lustig oder komisch sind, aber auch ganz reale Dinge wie z.B. den Bauernhof, den Flughafen, die Feuerwehr u.v.a.m. Im Betrachten der Bilder und durch das Erzählen oder Vorlesen machen sich die Kinder ein Bild von der Welt und erlernen nach und nach eine Sprache für alle Dinge, die ihr Leben bestimmen. Lesen und Erzählen kommen in ihrer Wirkung daher der Muttermilch gleich, mit der sie alles aufnehmen, was sie zu eigenständigen, gesunden und lebensfrohen Menschen macht. Darum gehören Bücher in jeden Haushalt und in jedes Kinderzimmer. Nachhaltig wirkt Lesen auf die Kinder dann, wenn auch Erwachsene und vor allem die Eltern ab und zu ein Buch zur Hand nehmen und voller Begeisterung lesen.

Die Kraft des Lesens

Bücher sind Nahrung für die Seele


H war in seine Bücher verliebt. Bücher sind Nahrung für Seele und Geist, sagte er. Er kaufte auf Vorrat und fand keine Ruhe, wenn er sich vorstellte, kein neues und ungelesenes Buch griffbereit zu Hause zu haben bei Bedarf. Seine Bibliothek sprengte inzwischen jeden Rahmen, er wusste nicht mehr, wo er seine Kinder, wie er sie nannte, unterbringen sollte. Neuerdings stapelte er sie doppelt übereinander nach einer nur ihm selbst bekannten Ordnung und wusste blindlings, wo er jedes finden konnte. H brauchte diese eigene Welt aus flüchtigen Träumen und Abenteuern, eine Welt der Grenzverschiebungen und der sich auflösenden Zeitmaße. Jedes Mal, wenn H in seine Bibliothek trat, musste er etwas neu ordnen, so, als sei ihm die Krawatte verrutscht oder die Hose staubig geworden. Es war wie ein Liebesdienst an sich selbst. Im Raum wirkte die Spannung eines überfüllten großen Wartesaals. Stimmen aus aller Welt, ein Gespräch unter Taubstummen, und doch so lebendig und vielstimmig. Und so verbrachte er Stunden und Tage, allein, und doch in bester Gesellschaft. Ein Abenteurer ohne Sehnsucht nach Ferne. Sie war da, und wenn sie einmal nicht da war, erschuf er sie in seinen Träumen und in seiner Phantasie. Lauter verrückte Pläne, lauter Vorstöße in Himmelsrichtungen, in die noch nie jemand vorgedrungen war. Ein Rückzugsort für Verlorene, dessen Würze genau in diesem Verlorensein bestand. Und jetzt erst begriff er, dass Lesen süchtig macht. Bücher sind Drogen, von denen man besser die Hände lässt, wenn man nicht abhängig, ja ausgeliefert sein will. Und bei diesem Gedanken loderten Erinnerungen an den Großwesir von Persien aus dem 10. Jahrhundert in ihm auf. Von Abdu Kassem Ismael wird berichtet, dass er sich auf Reisen nur ungern von seiner Bibliothek, die an die 117.000 Werke zählte, trennte. Also ließ er sich die Bücher auf einer Karawane aus vierhundert Kamelen nachtragen. Sie waren abgerichtet, in alphabetischer Reihenfolge einher zu schreiten. Weder die schiere Unendlichkeit der Wüste selbst, noch die gefürchteten Sandstürme konnten ihn davon abhalten, zwischendurch eine Rast einzulegen und ein Buch zu nennen, das man ihm eiligst zur Lektüre brachte. Dann saß er für eine Weile abseits im Windschatten einer Düne und versank in eine stille Verzückung. So träumte er sich von Oase zu Oase, bis er endlich an seinem Bestimmungsort eintraf. Und alle seine Untertanen und Begleiter wurden ebenfalls angehalten zu lesen und sich ein Bild von der Welt zu machen. Vor allem die Kinder entwickelten sich zu den eifrigsten Nachahmern. Im Spiele lernten sie lesen und füllten von Klein auf ihre Seele mit allerlei wunderbaren Geschichten.

Bildungspolitisches Manifest in Zeiten von Corona

These: Bildung und Kultur sind das Fundament, das unsere freie und demokratische Gesellschaftsordnung trägt. Mit „Kultur“ meinen wir eine von den christlichen Werten und den Werten der Aufklärung geprägte Geisteshaltung.


Die Wirtschaft ist der Motor, der sie antreibt und im Idealfall nach menschlichem Maß lebendig pulsieren lässt.


Bildung – Das Tor ins 21. Jahrhundert


Gerade in einer global und digital orchestrierten Welt sind Bildung und Kultur von grundlegender Bedeutung. Wenn die ganze Welt zum freien Markt wird, braucht es mehr denn je eine gediegene Ausbildung, ein multikulturelles Kulturverständnis und selbständig denkende Individuen. Nur wer auf der Höhe der Zeit und der technologischen und intellektuellen Entwicklung ist, kann die Zukunft unseres Planeten und der Menschen, die da leben, mitgestalten und dazu beitragen, die Weichen für ein neues, auf Nachhaltigkeit und Ressourcen schonendes Solarzeitalter zu setzen. Das hat uns neuerdings die Corona-Pandemie drastisch vor Augen geführt. In Krisenzeiten muss der Mensch flexibel auf die Einschränkungen, Probleme und Gefahren reagieren und neue Wege und Problemlösungsstrategien entwickeln. Das gelingt nur jenen Akteuren, die durch eine entsprechende Grundausbildung über die Voraussetzung verfügen, sich den veränderten Bedingungen flexibel anzupassen und aus der Not eine Tugend zu machen.
Bildung ist die Basis für die Zukunft unserer Jugend, für die Zukunft einer ganzen Generation. Dabei ist für Kinder und Jugendliche im Lernprozess der Kontakt zu Gleichaltrigen (sie lernen ja voneinander, indem sie sich austauschen und nachahmen), das vertrauensvolle persönliche Gespräch mit den Lehrpersonen und Lernberatern, eine vorbereitete und anregende Lernumgebung, die ein gemeinsames Abenteuer Lernen erst ermöglichen, besonders wichtig. Lernen vollzieht sich erwiesenermaßen äußerst wirksam im sozialen Klassenverband, in der Gruppe. In der Verhaltensforschung spricht man ja nicht von ungefähr von Rudel- und Schwarmintelligenz. Das gilt gleichermaßen auch für das soziale Wesen Mensch! Wenn wir auch weiterhin den Anspruch vertreten, allen Kindern und Jugendlichen die gleichen Bildungschancen zu garantieren, dann müssen wir den Bildungseinrichtungen absolute Priorität einräumen. Die unabdingbare Teilhabe an Bildung und Kultur gehört in demokratischen Gesellschaften essenziell zu einer gesunden und (be)glückenden Lebensführung. Es ist höchst an der Zeit, im Sinne Hartmut von Hentigs Schule wieder einmal neu zu denken. Weg also von einer Schule verstanden als „Gemischtwarenladen für nützlich erscheinende Erkenntnisse und Fertigkeiten“, von allem etwas und von nichts wirklich Tiefe. Nein. Wir brauchen eine Schule, in der die jungen Menschen zu geerdeten Persönlichkeiten reifen können, die die Zeichen der Zeit verstehen und ein Leben in einer global vernetzten Welt nach menschlichem Maß meistern können, ohne abhängig, fremdbestimmt oder gar zum Spielball von okkulten Mächten zu werden.


Bildung - ein Garant für den sozialen Zusammenhalt der Generationen


Bildung ist nicht nur Abfragen von mühsam auswendig gelerntem Wissen, Bildung basiert auf dem Erwerb von grundlegenden Kompetenzen, die sich im Austausch, im Dialog, im Lernprozess einer Gruppe entwickeln. Daher muss das Gebot der Stunde heißen: die Bildungseinrichtungen sind auch in Zeiten grassierender Pandemie unter Beachtung der lebenswichtigen Hygienevorschriften bedingungslos zu öffnen und offen zu halten. Es muss alles darangesetzt werden, die Kinder und Jugendlichen aus der durch den Corona-Lockdown oder durch Social Distancing bewirkten sozialen Isolation, aus einer seelischen und sprachlichen Verarmung in die Mitte der Gesellschaft zu holen. Aus diesem Grunde ist in coronabedingten Krisenzeiten das Lernen in Kleingruppen und im Reißverschlussverfahren zwischen Präsenzunterricht und digitalem Home-Learning eine sinnvolle Option. So kann jede Gruppe abwechselnd den Unterricht besuchen, und dazwischen (wenn erforderlich) zu Hause digital betreut werden. Wie immer man dieser Herausforderung begegnet, welche organisatorischen Szenarien man auch immer ins Auge fasst, es muss allen Kindern und Jugendlichen auf Dauer ein kontinuierliches Lernen im Gruppen- bzw. Klassenverband garantiert werden, bei Bedarf auch durch strukturelle Modernisierung der Bildungseinrichtungen sowie eine massive Erweiterung des Stellenplans des Lehrpersonals. Die Erfahrung des Miteinander ermöglicht erst das Erlernen von Rücksichtnahme, von Respekt und gegenseitiger Unterstützung und Hilfe. In der Isolation hingegen werden wir alle zu seelisch verarmten Individualisten, die die konsequente Selbstverwirklichung zum obersten Prinzip erheben. Und genau diese Entwicklung unterminiert den sozialen Zusammenhalt. Die besorgniserregende weltweite Ungerechtigkeit in unseren Wohlstandsgesellschaften verschärft die Kluft zwischen Arm und Reich, lässt ganze Bevölkerungsschichten verelenden und treibt sie in Verzweiflung, Migration und Tod. Während wenige Superreiche jeden Augenblick Millionen scheffeln (von „Blackrock“ scheinbar sauber in Szene gesetzt!), verhungern und sterben Flüchtlingskinder auch in europäischen Auffanglagern, den würdelosen Schandflecken abendländischer Zivilisation. Sie zerstören den sozialen Frieden. Um so mehr muss die Maxime heißen: Bildung für alle und gleichzeitig Teilhabe am Wohlstand für alle! Erst die soziale Gerechtigkeit sichert den Frieden.


Digital gestützte Bildung - ein Garant für Zukunftsfähigkeit


Eine unerlässliche Vorzugsschiene muss – auch diese Erkenntnis haben wir durch Corona gewonnen - dringend hin zur Digitalisierung der Schulen und Bildungseinrichtungen eingerichtet werden. Das setzt nicht nur die flächendeckende Bereitstellung der entsprechenden Hardware voraus, sondern erfordert umgehend eine breit angelegte und kontinuierliche Schulung und Professionalisierung des Lehrpersonals in diesem Bereich. Und dabei ist immer zu bedenken, dass Menschen in jedem Lernprozess niemals zu ersetzen sondern lediglich zu unterstützen sind. Keine noch so perfekte Maschine kann jungen Menschen in ihrer Emotionalität gerecht werden. Eine digitale „Reformation“ schafft aber die Voraussetzungen für einen Paradigmenwechsel, der uns die Mittel an die Hand gibt, im globalen Wettbewerb zu bestehen, innovative Entwicklungen anzustoßen und langfristig eine lebenswerte Zukunft für nachkommende Generationen zu sichern. Der globale Wettbewerb nimmt leider
keine Rücksicht auf jene, die strukturelle und zukunftsweisende Entwicklungen verschlafen oder aus welchen Gründen auch immer in Zweifel ziehen.


Bildung - ein Garant für Demokratie


Bildung weitet den Horizont und gibt auch dann Sicherheit, wenn gefestigte Muster und Modelle zusammenbrechen und Freiräume eröffnen für extremistisches Gedankengut, im konkreten Falle für Klima- und Pandemie-Leugner, für Weltuntergangspropheten und Verschwörungstheoretiker (Q), für gewaltbereite Nationalisten und Populisten. Sie alle gefährden unsere Demokratie. Immer dann, wenn diese extremistischen Kräfte erstarken, geraten die demokratischen Systeme in Gefahr, das lehrt uns die Geschichte. Diese Agitatoren und Rassisten spalten die Gesellschaft, schüren die Ängste der Bürger und zielen ganz bewusst auf eher bildungsferne Schichten. Wer sich abgehängt und ausgegrenzt fühlt, wer diese Machenschaften und Strategien nicht hinterfragen und einordnen kann, der ist anfällig für diese Schwarz-Weiß-Malerei, die jeden Andersdenkenden zum Feind erklärt. Und genau aus diesem Grunde ist Bildung so wichtig. Nur wer lernt, mit dem eigenen Kopf zu denken, kann auch komplexe Zusammenhänge erkennen. Nur wer über ein geistiges Fundament verfügt, braucht eine gesellschaftspolitische Auseinandersetzung nicht zu fürchten und wird sich auch in kontrovers geführten Debatten Gehör verschaffen können. Und genau aus diesen Überlegungen ist es auch von zentraler Bedeutung, dass nach Jahren der Rückschritte, der Orientierungslosigkeit und der Beliebigkeit nun politische Bildung in den öffentlichen Schulen wieder in den Lehrplan aufgenommen wird. „Bild Dir eine eigene Meinung“ muss die Devise lauten, die die Bildungseinrichtungen und das Lehrpersonal befeuern soll, Jugendliche zu selbständig denkenden Individuen zu erziehen. Demokratie steht und fällt mit der Freiheit des Denkens, mit klugen, toleranten und zukunftsgerichteten Köpfen.


Bildung - ein Garant für ein Leben in Frieden und Freiheit


Es lohnt sich, für eine gediegene Bildung tagtäglich zu kämpfen und den vielerorts wieder aufflammenden Totalitarismus und schlussendlich die Wiedergeburt der Diktatur mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu verhindern. So sollte uns das Erstarken von Autokraten auch innerhalb der EU alarmieren. Sie kleiden sich für die Außenwahrnehmung in pseudodemokratische Mäntelchen, in Wahrheit setzen sie aber auf Nationalismus und Abschottung, belegen die Medien mit Zensur, machen kritische Journalisten mundtot und nehmen Oppositionspolitiker in Isolationshaft oder werfen sie ins Gefängnis, wo sie nicht selten gefoltert werden. Sie zwingen die Justiz in einen Komplizenstatus und haben damit freie Hand für die Umgestaltung der Gesellschaft hin zur totalen Entmündigung der Bürger. Polen und Ungarn sind neuerdings das beste Beispiel dafür. Eine Steigerung Richtung Diktatur erleben wir derzeit in Belarus, in Venezuela, in der Türkei und in Russland selbst. Und schließlich liefert uns China den Beleg für eine Diktatur, die jede Form von Freiheit im Keim erstickt und unter dem Deckmantel der Staatsräson ein Regime der Angst und des Terrors errichtet. Sie schreckt auch nicht davor zurück, auf das eigene Volk zu schießen (Niederschlagung der Studentenunruhen am Platz des himmlischen Friedens oder die gewaltsame Gleichschaltung Hongkongs).
Wohin das alles führen wird? Es werden, wenn nicht rechtzeitig eine demokratische Umkehr gelingt (und das kann langfristig nur über die Schiene der Bildung und Kultur sichergestellt werden), weltweit leider wieder finstere Zeiten
anbrechen, die Not und Elend über die Menschheit bringen und verbrannte Erde hinterlassen. Trotz Wohlstand sind viele Staaten nicht bereit, ihrem völkerrechtlichen Auftrag gerecht zu werden und verweigern von internationalen Verträgen gesicherte Menschenrechte. Das ist rund 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg eine Bankrotterklärung der zivilisierten Welt und die Folge einer bereits sträflich vernachlässigten Bildung. Man muss schon mit Blindheit geschlagen sein, um nicht zu erkennen, dass ein Leben und Wirtschaften in Frieden und Freiheit auf Dauer nur in einer solidarischen und auf die Achtung der Menschenwürde und der christlichen Werte bedachten Welt möglich sind. Die sozialen Medien haben in dieser Hinsicht leider keinen Demokratisierungsschub gebracht – im Gegenteil. Sie tragen dazu bei, unter dem Schutz der Anonymität hemmungslose Hetze zu verbreiten, die Wahrheit zu leugnen und den bösesten Instinkten Raum zu geben.

 

Was tun?


„Die Aufgabe des Intellektuellen ist es nicht, Liebenswürdigkeiten zu verteilen, sondern zu sagen, was ist. Er will nicht verführen, sondern bewaffnen!“ (Régis Debray)
Und Edmund Burke schrieb schon im 18. Jahrhundert: „All, that evil needs to triumph, is the silence af good men!“ (Alles, was das Böse braucht, um zu triumphieren, ist das Schweigen der guten Menschen).
Vielleicht lernen wir die Krise als Chance zu begreifen. Die Devise muss lauten: Demokraten aller Länder, vereinigt euch!
Wir sind gefordert, für eine Kultur der Solidarität und Menschlichkeit in aller Öffentlichkeit zu kämpfen und die Straßen, die öffentlichen Plätze und sozialen Medien nicht den rechtsextremen Fanatikern und Anarchisten zu überlassen! Vielleicht muss es eine neue soziale Revolution richten nach dem Motto Georg Büchners: Friede den Hütten/sprich: Armen und Ausgegrenzten, Krieg den Palästen/sprich: Superreichen und enthemmten Finanzeliten.
Es braucht einen kollektiven Gesinnungswandel. Die Jugend macht es uns zum Teil ja schon vor, indem sie Zeichen der Hoffnung setzt, so z.B. Joshua Wong in Hongkong, oder die Bewegung Friday For Future, oder Black Lives Matter, oder Alexei Nawalny in Russland und verschiedene Oppositionspolitiker in Belarus, um nur einige besonders aktuelle Fälle zu nennen. Bildung befähigt, Abschied zu nehmen von einer blinden Gefolgschaft in einer neoliberalen Marktwirtschaft, die ohne Rücksicht auf Verluste ausschließlich auf Gewinnmaximierung ausgerichtet ist und dabei längerfristig die Zerstörung ganzer Ökosysteme und möglicherweise sogar den Untergang des gesamten Planeten in Kauf nimmt. Vielleicht ist die Zeit tatsächlich reif für die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen und für geschwisterliche Solidarität.

 

Wir schaffen das


Was wir aber gesamtgesellschaftlich noch viel mehr brauchen, ist eine neue Aufbruchstimmung (ähnlich der nach dem großen Krieg), die die Krise als Herausforderung betrachtet und unter Einbindung aller Bevölkerungsschichten eine kollektive und solidarische Antwort gibt. Es heißt: Ärmel hochkrempeln, mit gesteigertem Idealismus die um sich greifende Resignation überwinden, vom Lamentieren zum Handeln übergehen, auf Egoismen verzichten und im Sinne Max Webers von einer Gesinnungsethik zu einer Verantwortungsethik zu gelangen. Es kommt auf jeden einzelnen Beitrag an! Wir haben mit Fleiß und mit leidenschaftlicher Überzeugung für die res publica schon schlimmere Situationen gemeistert. Bauen wir also gemeinsam an einer Welt, in der zu leben sich auch für zukünftige Generationen lohnt. Jede Veränderung beginnt im Kopf. Und Bildung schult eben die geistige Urteilsfähigkeit und fördert die Achtung der grundlegenden Menschenrechte. Lasst uns also mit Zuversicht die Zukunft gestalten, denn „wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch!“ (Hölderlin)

 

Lesenswerte Bibliografie

 

  • Der Hessische Landbote (Georg Büchner)
  • Die Schule neu denken (Hartmut von Hentig)
  • Ändere die Welt (Jean Ziegler)
  • Empört euch (Stéphane Hessel)
  • Das terrestrische Manifest (Bruno Latour)
  • Was jetzt zu tun ist (Hannes Androsch)
  • BlackRock: Eine heimliche Weltmacht greift nach unserem Geld (Heike Buchter)
  • Mindf*ck. Wie die Demokratie durch Social Media untergraben wird. (Christopher Wylie)
  • Enzyklika „Fratelli tutti“ von Papst Franziskus

 

Josef Duregger


Es folgen 6 weitere Unterschriften:

 

  1. Falkensteiner Markus
  2. Falkensteiner Reinhold
  3. Niedermair Leonhard
  4. Niederbacher Manfred
  5. Müller Johann Josef
  6. Passler Johann


Gais, im Herbst 2020